Was sind die Sperrnächte? Die Kunst, ein Jahr zu Ende zu bringen
Über zwölf besondere Dezembernächte, das alte Winterbrauchtum und die Frage, warum wir dem Vergangenen manchmal viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken.
Es ist Dezember geworden, und während draußen die Tage immer kürzer werden, scheint unser Leben ausgerechnet jetzt noch einmal besonders geschäftig zu werden. Geschenke wollen besorgt, Weihnachtsfeiern besucht, Kekse gebacken und die letzten Dinge des Jahres erledigt werden, als hätten wir mit dem 31. Dezember eine persönliche Verabredung getroffen, bei der wir auf keinen Fall mit einer unerledigten Aufgabe erscheinen dürfen. Dabei erzählt uns die Natur um diese Zeit eine ganz andere Geschichte. Die Bäume haben ihre Blätter längst verloren, auf den Feldern ist es still geworden, und die Sonne verabschiedet sich an manchen Nachmittagen bereits, während wir noch überlegen, was wir eigentlich zu Mittag gegessen haben.
In diese dunklen Dezembertage fällt eine Tradition, die in den vergangenen Jahren zunehmend Aufmerksamkeit bekommen hat: die sogenannten Sperrnächte. Viele Menschen beginnen am 8. Dezember damit, auf das vergangene Jahr zurückzublicken, und widmen anschließend zwölf Nächte den zwölf Monaten, die hinter ihnen liegen. Sie erinnern sich an Begegnungen, Entscheidungen, Abschiede und jene kleinen Augenblicke, die im gewöhnlichen Alltag manchmal untergehen, obwohl sie später zu den wertvollsten Erinnerungen eines ganzen Jahres gehören.
Häufig werden die Sperrnächte als beinahe vergessener Brauch unserer Vorfahren beschrieben, als eine alte alpenländische Tradition, bei der die Menschen vor der Wintersonnenwende Haus und Hof verschlossen, ihre Werkzeuge wegräumten und sich innerlich auf die bevorstehenden Rauhnächte vorbereiteten. Das klingt durchaus einleuchtend, denn das Ende eines bäuerlichen Arbeitsjahres war tatsächlich mit Vorbereitungen, Einschränkungen und besonderen Bräuchen verbunden. Allerdings wird die Geschichte etwas komplizierter, sobald wir nach historischen Belegen für genau jene zwölf Sperrnächte suchen, die heute in zahlreichen Büchern und spirituellen Angeboten beschrieben werden.
Und weil alte Geschichten meiner Meinung nach besonders dann interessant werden, wenn wir genauer hinschauen, lohnt es sich, zunächst zu fragen, woher diese Nächte eigentlich kommen.
Was bedeutet das Wort Sperrnächte?
Der Name lässt uns zunächst an etwas denken, das abgeschlossen oder weggesperrt wird. In modernen Erklärungen heißt es häufig, die Menschen hätten vor dem Winter ihre landwirtschaftlichen Geräte gereinigt, verstaut und die nicht mehr benötigten Räume verschlossen. Daraus soll sich der Begriff Sperrnächte entwickelt haben, der heute zugleich für das symbolische Abschließen des vergangenen Jahres verwendet wird.
Tatsächlich war das Aufräumen und Vorbereiten auf die kalte Jahreszeit in früheren bäuerlichen Gesellschaften eine praktische Notwendigkeit. Werkzeuge mussten gepflegt, Vorräte gesichert, Tiere versorgt und Arbeiten an die jahreszeitlichen Bedingungen angepasst werden. Wer keinen Strom, keine Zentralheizung und keinen Supermarkt in der Nähe hatte, musste sich auf die Wintermonate entsprechend vorbereiten, denn eine schlechte Vorratshaltung oder ein beschädigtes Arbeitsgerät konnte sehr viel ernstere Folgen haben als ein etwas unordentlicher Geräteschuppen.
Auch das zeitweilige Ruhen bestimmter Arbeiten gehört zur europäischen Winterbrauchtumsgeschichte. Besonders das Spinnen begegnet uns in zahlreichen Überlieferungen als Tätigkeit, die an bestimmten Festtagen oder während der Zwölften unterbleiben sollte. Solche Arbeitsverbote waren mit religiösen Vorstellungen, regionalen Sagen und gesellschaftlichen Regeln verbunden.
Doch hier müssen wir unterscheiden: Dass Menschen vor dem Winter ihre Arbeit abschlossen und dass bestimmte Tätigkeiten während besonderer Nächte verboten waren, belegt noch keine eigenständige, überall bekannte Folge von zwölf Sperrnächten ab dem 8. Dezember.
In den herangezogenen volkskundlichen Quellen sind die Rauhnächte, die Zwölften und winterliche Arbeitsverbote gut dokumentiert. Für die heute verbreitete feste Abfolge von zwölf Sperrnächten mit einem Monatsrückblick lässt sich daraus hingegen kein entsprechender älterer Brauch nachweisen. Die genaue Entstehung dieser Praxis bleibt offen.
Es ist denkbar, dass ihre heutige Gestaltung ältere Motive des Abschließens und Ruhens aufgreift. Eine solche Verbindung ist jedoch zunächst eine Interpretation und kein Beweis für eine ununterbrochene Überlieferung.
Wann beginnen die Sperrnächte?
In der heute verbreiteten Praxis beginnen die Sperrnächte meist am 8. Dezember. Die zwölf aufeinanderfolgenden Nächte werden dabei symbolisch den zwölf Monaten des vergangenen Jahres zugeordnet. Wer am 8. Dezember beginnt, kann beispielsweise die Nächte bis zum 19. Dezember für diesen Rückblick nutzen und anschließend noch einen eigenen Abschluss gestalten.
Andere Anleitungen wählen eine etwas andere Zählung oder orientieren sich stärker an der Wintersonnenwende. Einen historisch verbindlichen Beginn können wir für diese heutige Form nicht angeben.
Der Gedanke dahinter ist allerdings leicht verständlich. Anstatt am Silvesterabend innerhalb weniger Minuten über ein ganzes Jahr nachzudenken, nehmen wir uns über mehrere Abende hinweg Zeit, um noch einmal durch die vergangenen Monate zu gehen.
Am ersten Abend erinnern wir uns an den Januar, am zweiten an den Februar und so weiter, bis wir schließlich im Dezember angekommen sind. Dabei geht es um die Ereignisse, die unser Jahr geprägt haben, um Menschen, die uns begleitet haben, und um Erfahrungen, die wir vielleicht noch immer mit uns tragen.
Manche Menschen führen während dieser Zeit ein Tagebuch, andere zünden eine Kerze an, räuchern ihre Räume oder betrachten Fotos und Aufzeichnungen aus den vergangenen Monaten. Solche Handlungen gehören zur heutigen Gestaltung der Sperrnächte und können eine schöne Möglichkeit sein, dem Jahresende Aufmerksamkeit zu schenken.
Dass jede Nacht ursprünglich einem vergangenen Monat zugeordnet gewesen sei, lässt sich aus den bekannten älteren volkskundlichen Quellen nicht zuverlässig belegen.
Was unsere Vorfahren im Dezember tatsächlich beschäftigte
Um zu verstehen, weshalb die Vorstellung der Sperrnächte so gut in die winterliche Brauchwelt passt, lohnt sich ein Blick auf den Dezember früherer Jahrhunderte.
In einer bäuerlichen Gesellschaft war der Winter eine Zeit, in der sich die Arbeit veränderte. Während auf den Feldern weniger zu tun war, mussten Tiere weiterhin versorgt, Vorräte eingeteilt und zahlreiche Tätigkeiten im Haus erledigt werden. Besonders die Verarbeitung von Flachs und Wolle spielte in vielen Haushalten eine wichtige Rolle, und das Spinnen gehörte über lange Zeit zum gewöhnlichen Arbeitsalltag.
Gerade diese Tätigkeit taucht in zahlreichen winterlichen Sagen und Bräuchen auf. In manchen Regionen sollten die Spinnräder an bestimmten Tagen stillstehen, und wer sich nicht daran hielt, musste nach dem Volksglauben mit der Strafe übernatürlicher Gestalten rechnen.
Besonders bekannt ist Frau Perchta, die in unterschiedlichen Überlieferungen mit den winterlichen Festnächten verbunden wird und unter anderem darüber wachen konnte, ob bestimmte Arbeiten rechtzeitig beendet worden waren. Ihre Erscheinung und Bedeutung unterschieden sich regional, und viele der heute bekannten Erzählungen stammen aus späteren schriftlichen Aufzeichnungen, die bereits von unterschiedlichen religiösen und kulturellen Einflüssen geprägt waren.
Die historischen Rauhnachtsbräuche zeigen uns, dass Ordnung und bestimmte Arbeitsverbote durchaus eine Rolle spielten. Das Volkskundemuseum Wien dokumentiert beispielsweise Vorstellungen, nach denen in den Rauhnächten alles aufgeräumt und sauber sein sollte, während bestimmte Tätigkeiten und Verhaltensweisen als gefährlich galten.
Solche Bräuche zeigen, dass der Übergang in die winterliche Festzeit tatsächlich mit Vorstellungen von Abschluss, Zurückhaltung und Ruhe verbunden war.
Allerdings sollten wir diese verschiedenen Traditionen nicht nachträglich zu einer einzigen uralten Sperrnächte-Zeremonie zusammenfügen. Sie stammen aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten und besitzen jeweils ihre eigene Geschichte.
Was unterscheidet die Sperrnächte von den Rauhnächten?
Besonders interessant wird es, wenn wir die Sperrnächte mit den wesentlich bekannteren Rauhnächten vergleichen.
Die Rauhnächte, regional auch Raunächte oder Zwölften genannt, sind in der mitteleuropäischen Volksüberlieferung deutlich besser dokumentiert. Häufig bezeichnet man damit die Zeit zwischen Weihnachten und dem Dreikönigstag am 6. Januar, wobei die genaue Zählung regional unterschiedlich ausfallen kann.
Gerade in Österreich begegnen uns außerdem vier besonders hervorgehobene Rauhnächte, zu denen die Thomasnacht rund um den 21. Dezember, der Heilige Abend, die Silvesternacht und die Nacht vor Dreikönig gehören.
In diesen Nächten wurde regional geräuchert, gebetet, gesegnet und versucht, Hinweise auf die Zukunft zu gewinnen. Mancherorts glaubte man, dass übernatürliche Wesen unterwegs seien oder bestimmte Arbeiten Unglück bringen könnten. Die einzelnen Bräuche unterschieden sich erheblich, und auch ihre historische Entwicklung lässt sich nicht auf eine einzige vorchristliche Herkunft zurückführen.
Die Sperrnächte werden heute häufig als eine Art Vorbereitung auf diese Zeit verstanden. Während man in den Rauhnächten nach modernen Vorstellungen gerne Wünsche für das kommende Jahr formuliert, richtet sich der Blick während der Sperrnächte auf das vergangene Jahr.
Darin liegt eine schöne innere Ordnung, die allerdings vor allem zur gegenwärtigen spirituellen Praxis gehört.
Auch die heute verbreitete Zuordnung jeder Rauhnacht zu einem Monat des kommenden Jahres ist nicht mit sämtlichen historisch dokumentierten Rauhnachtsbräuchen gleichzusetzen. Es handelt sich um eine bestimmte Form der heutigen Ausgestaltung, die ältere Vorstellungen von Losnächten und Zukunftsdeutung aufgreift.
Wir können diese Unterschiede durchaus anerkennen und trotzdem beide Zeiten miteinander verbinden, denn ein Jahresrückblick vor dem Beginn einer neuen Phase ist eine nachvollziehbare menschliche Handlung, ganz unabhängig davon, wie alt die genaue Form ist.
Warum wir die Sperrnächte trotzdem feiern – und weshalb wir sie unterschätzen
Wenn wir uns mit altem Brauchtum beschäftigen, begegnet uns irgendwann eine Frage, die ich ausgesprochen wichtig finde: Muss etwas tatsächlich seit Jahrhunderten überliefert sein, damit wir ihm heute einen Platz in unserem Leben geben dürfen? Gerade bei den Sperrnächten lohnt es sich, darüber nachzudenken, denn die zwölf Rückblicknächte, wie wir sie heute kennen, lassen sich historisch nicht ausreichend als eigenständige alte Tradition nachweisen. Wir wissen von winterlichen Arbeitsverboten, von den Zwölften, von besonderen Nächten und von Bräuchen, die den Übergang zwischen den Jahren begleiteten. Doch die Vorstellung, ab dem 8. Dezember jeden Abend einen Monat des vergangenen Jahres zu betrachten, gehört nach derzeitigem Kenntnisstand vor allem zur neueren Gestaltung dieser Zeit.
Ich finde, das darf man ruhig so sagen. Wir müssen unsere heutigen Rituale nicht mit einem möglichst hohen Alter schmücken, damit sie an Bedeutung gewinnen. Schließlich sind Traditionen irgendwann entstanden, weil Menschen begonnen haben, bestimmte Handlungen zu wiederholen, weil sie ihnen wichtig waren, weil sie Gemeinschaft stifteten oder weil sie halfen, besonderen Zeiten im Leben einen Platz zu geben. Manche Bräuche wurden über Generationen weitergetragen, andere verschwanden wieder, und einige erhielten im Laufe der Zeit Bedeutungen, die ihre ursprünglichen Gestalter:innen vermutlich selbst überrascht hätten.
Warum also sollten wir die Sperrnächte nicht feiern, wenn wir darin etwas Wertvolles erkennen?
Ich glaube sogar, dass wir sie gewaltig unterschätzen, denn während sich inzwischen sehr viele Menschen mit den Rauhnächten beschäftigen, Wünsche für das kommende Jahr formulieren und voller Vorfreude überlegen, was sie alles erleben, erreichen und verändern möchten, bekommt das vergangene Jahr oft erstaunlich wenig Aufmerksamkeit. Wir wollen weiter, neue Ziele setzen, Pläne schmieden und am liebsten bereits am ersten Jänner eine bessere Version unserer selbst sein. Dabei haben wir die vergangenen zwölf Monate gerade erst gelebt, mit allem, was dazugehört, und manchmal sind wir innerlich noch lange nicht dort angekommen, wo unser Kalender uns bereits haben möchte.
Ein Jahr ist schließlich sehr viel mehr als eine Ansammlung von zwölf Monaten. Es sind dreihundertfünfundsechzig Tage, manchmal sogar einer mehr, an denen wir Menschen begegnet sind, Entscheidungen getroffen, gehofft, gelacht, geweint, gezweifelt und manchmal einfach versucht haben, irgendwie durch den Dienstag zu kommen. Wir haben Menschen umarmt, ohne zu wissen, ob wir sie noch einmal sehen werden. Vielleicht haben wir uns von jemandem verabschiedet, eine Freundschaft verloren, eine neue Liebe gefunden oder einen ganz gewöhnlichen Nachmittag erlebt, an den wir uns heute mit einem Lächeln erinnern. Und manches davon haben wir längst vergessen, weil unser Leben eben weitergegangen ist und selten jemand fragt, ob wir mit dem Erlebten eigentlich schon fertig sind.
Gerade deshalb berührt mich der Gedanke der Sperrnächte so sehr. Wir nehmen uns zwölf Abende Zeit und gehen noch einmal durch unser eigenes Leben, bevor wir dieses Jahr zu den vergangenen legen. Wir erinnern uns an Menschen, die uns begleitet haben, an Entscheidungen, die Mut gebraucht haben, und an jene Tage, an denen wir einfach froh waren, dass sie irgendwann vorbei waren. Wir entdecken, wie viel sich innerhalb eines einzigen Jahres verändern kann und wie manches, das uns im Januar noch unüberwindbar erschien, im Dezember bereits eine ganz andere Bedeutung bekommen hat.
Und manchmal werden wir auch feststellen, dass wir etwas vermissen. Einen Menschen, der im vergangenen Jahr noch an unserem Tisch gesessen ist, eine Freundschaft, die inzwischen still geworden ist, oder eine Zeit unseres Lebens, von der wir damals noch nicht wussten, dass sie gerade zu Ende ging.
Ich finde, auch dafür dürfen die Sperrnächte Raum geben, denn ein Jahresrückblick muss keine Sammlung schöner Erinnerungen sein, die wir anschließend mit einem dankbaren Lächeln abschließen. Es darf ein schwieriges Jahr gewesen sein, eines, das uns viel abverlangt hat, und wir dürfen anerkennen, dass wir uns manche Erfahrungen gerne erspart hätten.
Vielleicht liegt genau darin etwas, das wir in unserer Begeisterung für Neubeginn und Zukunftsplanung häufig übersehen. Wir beschäftigen uns so gerne mit dem Menschen, der wir im kommenden Jahr werden möchten, dass wir manchmal vergessen, den Menschen zu würdigen, der uns durch das vergangene Jahr getragen hat.
Und das waren wir selbst.
Mit all unseren Entscheidungen, Fehlern, Hoffnungen und Versuchen, das Leben irgendwie zu meistern. Manchmal mit erstaunlich viel Mut, manchmal mit wenig Geduld und gelegentlich vermutlich auch mit einer ordentlichen Portion Sturheit.
Vielleicht haben wir nicht alles geschafft, was wir uns vorgenommen hatten. Vielleicht sind manche Wünsche unerfüllt geblieben und einige Pläne ganz anders verlaufen, als wir es erwartet hatten. Trotzdem haben wir ein weiteres Jahr unseres Lebens erlebt, und ich finde, das verdient ein wenig mehr Aufmerksamkeit als einen hastigen Blick auf den Kalender, bevor wir uns bereits die nächsten Ziele setzen.
Die Sperrnächte geben uns die Möglichkeit, noch einmal hinzusehen, bevor wir weitergehen. Und vielleicht sind sie gerade deshalb so wertvoll, weil sie uns daran erinnern, dass wir nicht immer sofort etwas Neues beginnen müssen, sobald etwas anderes zu Ende geht.
Die Kunst, etwas abzuschließen
Unser Leben verläuft selten so ordentlich, wie wir es gerne hätten. Während ein Kalenderjahr mit dem 31. Dezember zuverlässig endet, halten sich unsere Gedanken, Gefühle und Erinnerungen nur selten an solche Termine.
Wir können ein Jahr hinter uns lassen und trotzdem noch mitten in einer Geschichte stecken, die darin begonnen hat. Eine Freundschaft hat sich verändert, ein Mensch ist gestorben, eine Beziehung zu Ende gegangen oder eine Entscheidung wurde getroffen, deren Folgen uns noch lange beschäftigen werden.
Manche Ereignisse lassen sich wunderbar in ein Fotoalbum einordnen, andere bleiben als offene Fragen zurück, auf die wir möglicherweise niemals eine vollständige Antwort bekommen.
Gerade deshalb finde ich den Gedanken schön, dass wir uns am Jahresende bewusst Zeit nehmen, um noch einmal hinzuschauen. Oft erinnern wir uns zunächst an die großen Ereignisse, an Urlaube, Geburtstage, Erfolge oder schwierige Erfahrungen, während die vielen gewöhnlichen Tage beinahe vollständig verschwinden.
Dabei besteht ein Jahr zum allergrößten Teil aus solchen Tagen. Aus gemeinsamen Mahlzeiten, Gesprächen, Spaziergängen, kleinen Entscheidungen und Begegnungen, von denen wir im Augenblick ihres Geschehens noch gar nicht wissen, welche Bedeutung sie später für uns bekommen werden.
Ein bewusster Rückblick kann uns helfen, solche Erfahrungen zu ordnen und ihnen einen Platz in unserer persönlichen Geschichte zu geben. Er muss allerdings keineswegs dazu führen, dass wir sämtliche schwierigen Gefühle auflösen oder ein vergangenes Jahr vollständig abschließen können.
Manche Erfahrungen brauchen länger als zwölf Nächte, und manche werden uns ein Leben lang begleiten.
Muss man während der Sperrnächte alles loslassen?
In modernen Anleitungen begegnet uns häufig die Vorstellung, wir müssten während der Sperrnächte sämtliche alten Belastungen erkennen, aufschreiben und anschließend loslassen, damit wir frei und unbelastet in das neue Jahr gehen können.
Ich finde diesen Gedanken grundsätzlich verständlich, denn wer möchte schon mit einem ganzen Rucksack voller ungelöster Probleme in den Januar starten?
Allerdings sollten wir uns bewusst machen, dass Loslassen kein Vorgang ist, den wir auf einen bestimmten Abend festlegen kann. Gefühle verschwinden nicht automatisch, weil wir sie auf einen Zettel geschrieben und anschließend verbrannt haben, und manche Erfahrungen verlangen Zeit, Gespräche oder eine tiefere Auseinandersetzung.
Besonders bei Trauer kann die Erwartung, etwas endlich hinter sich lassen zu müssen, zusätzlichen Druck erzeugen. Wir dürfen einen verstorbenen Menschen weiterhin vermissen, eine Enttäuschung noch immer schmerzhaft finden oder auf eine Frage noch keine Antwort haben, obwohl bereits ein neues Kalenderjahr beginnt.
Vielleicht ist es deshalb hilfreicher, die Sperrnächte als Gelegenheit zu betrachten, dem vergangenen Jahr Aufmerksamkeit zu schenken und dabei herauszufinden, welche Erfahrungen wir würdigen, welche wir besser verstehen und welche wir künftig anders gestalten möchten.
Manches werden wir tatsächlich hinter uns lassen können, anderes dürfen wir bewusst mitnehmen, und wieder anderes wird seinen Platz erst später finden.
Wie können wir die Sperrnächte heute begehen?
Wer die Sperrnächte heute gestalten möchte, kann sich an der verbreiteten Einteilung in zwölf Rückblicknächte orientieren. Dazu braucht es weder eine besondere Ausstattung noch einen ausgearbeiteten Ritualplan, denn im Grunde genügt es, sich jeden Abend ein wenig Zeit zu nehmen und einen Monat des vergangenen Jahres zu betrachten.
Vielleicht beginnen wir mit dem Kalender oder den Fotos auf unserem Handy, denn dort entdecken wir häufig Erinnerungen, die wir längst vergessen glaubten. Wir können nachsehen, welche Menschen wir getroffen haben, wo wir unterwegs waren und welche Ereignisse uns beschäftigt haben.
Anschließend lohnt es sich, einen Augenblick darüber nachzudenken, wie wir diese Zeit erlebt haben. Was hat uns Freude gemacht, welche Begegnungen sind uns in Erinnerung geblieben und welche Erfahrungen haben uns verändert? Vielleicht gibt es etwas, wofür wir dankbar sind, oder einen Menschen, dem wir noch etwas sagen möchten.
Wer gerne schreibt, kann solche Gedanken in einem Tagebuch festhalten. Andere bevorzugen einen stillen Spaziergang, eine Meditation oder ein kleines Abendritual mit einer Kerze.
Auch das Räuchern kann einen Platz finden, wenn wir uns mit den verwendeten Pflanzen und ihrer Geschichte beschäftigen. Dabei sollten wir allerdings unterscheiden, welche Räucherbräuche regional historisch dokumentiert sind und welche Handlungen wir heute selbst gestalten.
Vielleicht möchten wir am Ende der zwölf Nächte einige Dinge tatsächlich in Ordnung bringen, einen lange aufgeschobenen Brief schreiben, etwas verschenken, das wir nicht mehr benötigen, oder uns von einer Verpflichtung verabschieden, die längst nicht mehr zu unserem Leben passt.
Das kann eine schöne Verbindung zwischen äußerem Aufräumen und innerer Rückschau sein, solange wir daraus keine neue Pflicht machen, die wir unbedingt vor Weihnachten erledigen müssen.
Schließlich wäre es schon ein wenig widersprüchlich, wenn ausgerechnet die Zeit, in der wir zur Ruhe kommen möchten, zu einem weiteren Punkt auf unserer ohnehin viel zu langen Dezemberliste würde.
Eine junge Tradition mit einem alten menschlichen Bedürfnis
Vielleicht werden die Sperrnächte gerade deshalb immer beliebter, weil wir in unserem heutigen Leben nur selten einen wirklichen Übergang zwischen zwei Jahren erleben.
Der Kalender wechselt, die Geschäfte öffnen wieder, die Arbeit beginnt, und oft geht alles genauso weiter wie zuvor. Selbst die Feiertage sind inzwischen häufig so dicht mit Terminen gefüllt, dass für einen ruhigen Blick auf das vergangene Jahr kaum Zeit bleibt.
Die moderne Gestaltung der Sperrnächte bietet uns eine Möglichkeit, diesen Übergang bewusster wahrzunehmen. Sie verbindet den Gedanken des Abschließens mit einer Zeit, in der die Natur vielerorts zur Ruhe gekommen ist und die Tage ihrem kürzesten Punkt entgegengehen.
Historisch sollten wir dabei ehrlich bleiben. Die zwölf Sperrnächte mit ihrer festen Monatszuordnung lassen sich bislang nicht als jahrhundertealte, einheitlich überlieferte Tradition nachweisen. Sie greifen jedoch Motive auf, die in der europäischen Winterbrauchtumsgeschichte tatsächlich vorkommen: das Ruhen bestimmter Arbeiten, das Vorbereiten auf besondere Festtage und die Vorstellung, dass bestimmte Zeiten des Jahres eine eigene Bedeutung besitzen.
Vielleicht ist das auch eine schöne Erinnerung daran, dass Traditionen nicht irgendwann fertig entstanden sind und anschließend für alle Ewigkeit unverändert bleiben. Menschen haben Bräuche über Generationen hinweg weitergegeben, verändert, miteinander verbunden und manchmal auch ganz neu geschaffen.
Manche dieser Entwicklungen lassen sich über Jahrhunderte verfolgen, andere sind wesentlich jünger, und trotzdem können sie für die Menschen, die sie heute praktizieren, eine Bedeutung besitzen.
Ich finde, wir dürfen die Sperrnächte deshalb als das betrachten, was sie in ihrer heute verbreiteten Form sind: eine Möglichkeit, den vergangenen zwölf Monaten noch einmal zu begegnen und dem Ende des Jahres bewusst Raum zu geben.
Vielleicht werden wir dabei entdecken, dass wir uns an manche Dinge ganz anders erinnern, als wir sie damals erlebt haben. Vielleicht werden wir über eine Geschichte lachen, die uns im Februar noch furchtbar geärgert hat, oder wir bemerken, wie sehr wir uns seit dem vergangenen Januar verändert haben.
Und vielleicht gibt es auch einen Abend, an dem wir einfach nur dasitzen, aus dem Fenster schauen und feststellen, dass wir für dieses Jahr eigentlich schon genug nachgedacht haben.
Auch das darf sein.
Denn ein Jahr besteht aus weit mehr als dem, was wir erledigt, erreicht oder hinter uns gebracht haben. Es besteht aus den Menschen, denen wir begegnet sind, aus den Erfahrungen, die uns verändert haben, und aus all den gewöhnlichen Augenblicken, in denen unser Leben stattgefunden hat.
Vielleicht lohnt es sich, ihnen am Ende des Jahres noch einmal ein wenig Zeit zu schenken, bevor wir den Kalender umblättern und uns wieder mit den Dingen beschäftigen, die vor uns liegen.
Quellen & weiterführende Literatur
- 01Volkskundemuseum Wien: „Spukt es in den Rauhnächten?“ Museale Darstellung der Rauhnachtsbräuche, der regionalen Arbeitsverbote, der Frau Percht und des Räucherns.
https://www.volkskundemuseum.at/jart/prj3/volkskundemuseum/data/publikation/1538569905125/1538569905125.pdf - 02Helga Maria Wolf: „Glück herein, Unglück hinaus“. ABC zur Volkskunde Österreichs, Austria-Forum. Volkskundliche Einordnung der Rauhnächte, der Zwölften und der regional unterschiedlichen Termine und Arbeitsverbote.
https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/ABC_zur_Volkskunde_%C3%96sterreichs/Rau%28ch%29n%C3%A4chte/Essay_Rauhn%C3%A4chte - 03Institut für Volkskunde der Kommission für Bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: „Rundfrage des Bayerischen Vereins für Volkskunst und Volkskunde“, 1908/09. Historische volkskundliche Erhebungen zu den Zwölf Nächten, darunter regionale Vorstellungen zu Arbeitsverboten und Unglück.
https://www.bavarikon.de/object/bav-IFV-RUN-00000000RFA20360?lang=de - 04Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage (1885–1890): „Rauchnächte“. Band 13, Seite 599. Historische Quelle zur regional unterschiedlichen Zählung der Rauhnächte und zum Räuchern von Häusern und Ställen.
https://de.wikisource.org/wiki/MKL1888:Rauchn%C3%A4chte - 05Hanns Bächtold-Stäubli (Hrsg., 1927–1942): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Walter de Gruyter. Historisches volkskundliches Nachschlagewerk zu den Zwölften, winterlichen Arbeitsverboten und Brauchvorstellungen. Die älteren mythologischen Deutungen sind kritisch zu betrachten.
Die Podcastfolge zu Die Sperrnächte
„Worte am Feuer. Dem Klang der Jahreszeiten lauschen.“
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