Beifuß – eine Pflanze für die Schwellenzeit
Artemisia vulgaris – vom unscheinbaren Wegrandkraut, alten Schutzvorstellungen und der besonderen Geschichte einer Pflanze, die unsere Vorfahren schon lange begleitet
Es gibt Pflanzen, an denen wir jahrelang vorbeigehen, ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Sie wachsen an Straßenrändern, auf verlassenen Grundstücken, entlang von Feldwegen und manchmal mitten zwischen den Steinen einer alten Mauer, wo man sich fragt, wie überhaupt irgendetwas Wurzeln schlagen konnte. Der Beifuß gehört zu diesen Pflanzen. Er trägt keine besonders auffälligen Blüten, lockt uns mit keinen süßen Früchten und besitzt auch nicht jene vornehme Schönheit, wegen der wir andere Gewächse in unsere Gärten holen. Meistens steht er einfach da, mit seinen hohen, oft rötlich überlaufenen Stängeln und den tief eingeschnittenen Blättern, die auf der Oberseite grün und auf der Unterseite beinahe silbrig erscheinen.
Wer allerdings einmal ein Blatt zwischen den Fingern zerreibt, entdeckt schnell, dass diese unscheinbare Pflanze durchaus ihren eigenen Charakter besitzt. Ihr Geruch ist herb, würzig und ein wenig bitter, mit einer eigentümlichen Wärme, die sich schwer beschreiben lässt. Vielleicht erinnert er an einen trockenen Sommerabend, an alte Kräuterbündel auf einem Dachboden oder an jene Schubladen, in denen Großmütter Dinge aufbewahrten, deren Zweck man als Kind nie ganz verstand.
Botanisch trägt der Gewöhnliche Beifuß den Namen Artemisia vulgaris und gehört zur Familie der Korbblütler. Er ist eine ausdauernde Pflanze, die an geeigneten Standorten bis zu zwei Meter hoch werden kann und in weiten Teilen Europas verbreitet ist. Seine Blüten erscheinen meist zwischen Juli und September, gelegentlich noch später, und wer ihn im Herbst auf einer brachliegenden Wiese entdeckt, wird feststellen, dass seine kräftigen Stängel auch dann noch stehen bleiben, wenn viele andere Pflanzen längst in sich zusammengesunken sind.
In der europäischen Kräuterkunde besitzt Beifuß eine lange Geschichte. Er wurde als Gewürz verwendet, in medizinischen Schriften beschrieben und mit unterschiedlichen Schutzvorstellungen verbunden. Besonders interessant sind dabei jene Überlieferungen, in denen die Pflanze an besonderen Tagen des Jahres auftaucht, bei Sonnwendfeuern getragen oder zum Schutz vor Unheil verwendet werden sollte.
Gerade deshalb wird Beifuß heute gerne als Pflanze der Schwellen bezeichnet. Doch was davon lässt sich historisch tatsächlich nachweisen, und welche Bedeutungen sind erst in jüngerer Zeit hinzugekommen?
Eine Pflanze, die überall wächst und trotzdem kaum jemand kennt
Wer Beifuß kennenlernen möchte, muss dafür weder einen abgelegenen Berg besteigen noch einen besonders geheimnisvollen Wald aufsuchen. Häufig genügt ein Spaziergang entlang eines Feldweges oder einer wenig gepflegten Böschung, denn die Pflanze bevorzugt sonnige bis halbschattige, nährstoffreiche Standorte und fühlt sich auch dort wohl, wo der Mensch den Boden bereits deutlich verändert hat.
Ihre Blätter sind ein besonders hilfreiches Erkennungsmerkmal. Während die Oberseite meist dunkelgrün erscheint, ist die Unterseite durch eine feine Behaarung auffallend hell und beinahe weißfilzig. Die Blätter sind unterschiedlich stark eingeschnitten, und besonders an älteren Pflanzen entwickeln sich kräftige, verzweigte Stängel, die im Spätsommer eine stattliche Höhe erreichen können.
Die kleinen Blüten stehen in zahlreichen unscheinbaren Körbchen zusammen. Wer auf große, farbenprächtige Blüten wartet, wird beim Beifuß vermutlich enttäuscht, denn er gehört zu jenen Pflanzen, deren Besonderheiten erst beim genaueren Hinsehen sichtbar werden.
Vielleicht erklärt gerade seine Allgegenwärtigkeit, weshalb er über viele Jahrhunderte hinweg so unterschiedlich genutzt wurde. Eine Pflanze, die in der unmittelbaren Umgebung wächst, lässt sich leicht sammeln, trocknen und aufbewahren, und so konnte Beifuß seinen Platz sowohl in der Küche als auch in unterschiedlichen Bereichen der traditionellen Pflanzenkunde finden.
Allerdings ist Beifuß nicht gleich Beifuß. Zur Gattung Artemisia gehören zahlreiche Arten, darunter der Echte Wermut (Artemisia absinthium) und der Einjährige Beifuß (Artemisia annua). Sie unterscheiden sich in ihrem Aussehen, ihren Inhaltsstoffen und ihrer Verwendung, weshalb historische Angaben und heutige Empfehlungen immer möglichst genau einer bestimmten Pflanzenart zugeordnet werden sollten.
Vom Kräuterwissen der Antike bis in die europäischen Hausbücher
Bereits in der antiken Pflanzenkunde begegnen uns Beschreibungen von Gewächsen aus der Gattung Artemisia. Griechische und römische Autoren beschäftigten sich mit ihren Eigenschaften und empfahlen unterschiedliche Anwendungen, wobei die genaue botanische Zuordnung historischer Pflanzennamen nicht immer eindeutig möglich ist.
Der römische Gelehrte Plinius der Ältere berichtet beispielsweise von Vorstellungen, nach denen Artemisia-Pflanzen Reisende und Wandernde vor Ermüdung schützen sollten. In späteren europäischen Überlieferungen begegnet uns der Beifuß ebenfalls als eine Pflanze, die mit dem Gehen, dem Unterwegssein und dem Schutz auf Reisen verbunden wurde.
Daraus entwickelte sich die bekannte Geschichte, Wandernde hätten Beifuß bei sich getragen oder an den Beinen befestigt, um längere Wege besser bewältigen zu können. Ob solche Anwendungen tatsächlich eine körperliche Wirkung besaßen, ist eine andere Frage. Als historische Vorstellung zeigen sie uns jedoch, dass Pflanzen nicht ausschließlich wegen ihres Geschmacks oder ihrer medizinischen Verwendung geschätzt wurden, sondern auch wegen jener Eigenschaften, die Menschen ihnen zuschrieben.
Im Laufe des Mittelalters und der frühen Neuzeit begegnen uns zahlreiche Kräuterbeschreibungen, in denen Pflanzen zugleich als Heilmittel, Gewürz und Schutzmittel erscheinen. Diese Bereiche waren in der damaligen Lebenswelt keineswegs so streng voneinander getrennt, wie wir es heute gewohnt sind. Ein Kraut konnte in der Küche verwendet, bei körperlichen Beschwerden empfohlen und gleichzeitig mit einem Segensspruch oder einer Schutzvorstellung verbunden werden.
Gerade beim Beifuß ist es deshalb wichtig, die historischen Texte in ihrem jeweiligen Zusammenhang zu lesen. Wenn eine Pflanze in einem alten Kräuterbuch gegen bestimmte Beschwerden empfohlen wird, bedeutet das zunächst, dass Menschen ihr eine solche Wirkung zuschrieben. Ob diese Wirkung tatsächlich nachweisbar ist, muss mit heutigen wissenschaftlichen Methoden gesondert untersucht werden.
Beifuß und die Sonnwendfeuer
Eine besonders interessante Verbindung besteht zwischen dem Beifuß und den Bräuchen rund um die Sommersonnenwende beziehungsweise den Johannistag am 24. Juni.
In verschiedenen europäischen Überlieferungen begegnet uns die Vorstellung, dass Beifuß als Gürtel oder Kranz getragen wurde. Mit solchen Pflanzengürteln verband man Schutzvorstellungen, und gelegentlich wurden sie im Zusammenhang mit einem Feuerbrauch abgelegt oder ins Feuer geworfen.
Der Beifußgürtel wird deshalb in populären Darstellungen häufig als uraltes germanisches Sonnwendritual beschrieben. Gerade bei solchen Erklärungen ist allerdings Vorsicht angebracht, denn die überlieferten Bräuche stammen aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten, und ihre spätere Deutung als Überrest eines einheitlichen vorchristlichen Kultes ist nicht ohne Weiteres beweisbar.
Das österreichische Volkskundemuseum bewahrt in älteren volkskundlichen Veröffentlichungen Beschreibungen solcher Johannisbräuche, darunter auch Hinweise auf das Tragen von Artemisia-Pflanzen als Schutzmittel. Dabei begegnen uns allerdings verschiedene europäische Regionen, weshalb wir diese Überlieferungen nicht pauschal zu einem überall in Österreich verbreiteten Brauch erklären dürfen.
Die Verbindung zwischen Pflanzen, Feuer und besonderen Tagen des Jahres ist dennoch kulturgeschichtlich bemerkenswert. Das Johannisfeuer gehörte vielerorts zu den wichtigen Festbräuchen des Sommers, und in seinem Umfeld entwickelten sich Vorstellungen über Gesundheit, Schutz, Fruchtbarkeit und das Wohlergehen der Menschen.
Dass dabei auch Pflanzen eine Rolle spielten, ist gut nachvollziehbar, denn gerade im Frühsommer beginnt jene Zeit, in der zahlreiche Kräuter gesammelt und für die kommenden Monate vorbereitet werden konnten.
Warum Beifuß als Schutzpflanze galt
Wer sich mit historischen Pflanzenüberlieferungen beschäftigt, begegnet immer wieder der Vorstellung, bestimmte Kräuter könnten Menschen, Häuser oder Tiere vor Unheil bewahren. Manche sollten gegen Krankheiten schützen, andere vor Gewittern, bösen Blicken oder übernatürlichen Gefahren.
Auch der Beifuß wurde in unterschiedlichen europäischen Traditionen mit solchen Schutzvorstellungen verbunden. Er erscheint in älteren Kräuterbeschreibungen, in volkstümlichen Erzählungen und in Zusammenhängen, in denen Pflanzen eine Bedeutung weit über ihre praktische Verwendung hinaus erhielten.
Dabei müssen wir beachten, dass sich der Begriff Schutz in historischen Quellen auf sehr unterschiedliche Vorstellungen beziehen konnte. Manchmal ging es um eine erhoffte körperliche Wirkung, manchmal um religiösen Segen und gelegentlich um die Abwehr von Hexerei oder anderen Gefahren, die innerhalb des damaligen Weltbildes als tatsächlich vorhanden verstanden wurden.
Aus heutiger Sicht können wir solche Überlieferungen als Teil der Kulturgeschichte betrachten, ohne ihre übernatürlichen Erklärungen übernehmen zu müssen.
Besonders vorsichtig sollten wir mit der Behauptung sein, Beifuß habe überall in Europa dieselbe Bedeutung besessen oder sei seit Jahrtausenden unverändert als Schutzpflanze verwendet worden. Die historischen Quellen zeigen vielmehr unterschiedliche Verwendungen, regionale Besonderheiten und Deutungen, die sich im Laufe der Zeit veränderten.
Beifuß im österreichischen Kräuterbrauchtum
In Österreich begegnet uns Beifuß unter anderem als traditionelle Gewürz- und Kräuterpflanze. Besonders bekannt ist seine Verwendung bei kräftigen, fettreichen Speisen, etwa bei Gänse- oder Entenbraten, wobei sein herber Geschmack nur sparsam eingesetzt wird.
Das österreichische Gesundheitsportal beschreibt Beifuß als eine heute etwas in Vergessenheit geratene Gewürzpflanze, deren junge Triebspitzen und noch geschlossene Blütenknospen zum Würzen verwendet werden können. Durch längeres Mitkochen entfaltet sich sein Aroma, während ältere Blätter und bereits geöffnete Blüten häufig zu bitter für die Küche sind.
Auch im Zusammenhang mit Kräuterbuschen, die regional zu Mariä Himmelfahrt am 15. August gebunden und gesegnet werden, wird Beifuß genannt. Solche Kräuterbuschen gehören zu einer vielgestaltigen katholischen Volksüberlieferung, in der regional unterschiedliche Pflanzen gesammelt und zu einem Strauß gebunden werden.
Dabei sollten wir keineswegs davon ausgehen, dass Beifuß in jedem österreichischen Kräuterbuschen enthalten sein musste. Welche Pflanzen verwendet wurden, hing von den örtlichen Gewohnheiten, der verfügbaren Vegetation und den familiären Überlieferungen ab.
Gerade diese regionalen Unterschiede machen das Pflanzenbrauchtum interessant. Sie zeigen uns, wie eng das Wissen über Pflanzen mit der Landschaft verbunden war, in der Menschen lebten, und wie sehr sich bestimmte Gewohnheiten innerhalb einzelner Familien und Ortschaften entwickeln konnten.
Beifuß in den Rauhnächten – was ist tatsächlich überliefert?
Heute wird Beifuß häufig als eine der wichtigsten Räucherpflanzen der Rauhnächte bezeichnet. In modernen Räuchermischungen begegnet er uns gemeinsam mit Wacholder, verschiedenen Harzen und anderen heimischen Kräutern, und ihm werden dabei oft Eigenschaften wie Reinigung, Schutz oder die Begleitung von Übergängen zugeschrieben.
Dass Beifuß in Europa als Räucher- und Schutzkraut bekannt ist, lässt sich durch entsprechende Pflanzenüberlieferungen und heutige fachliche Darstellungen nachvollziehen. Die österreichische Umweltberatung bezeichnet ihn ausdrücklich als eine der alten europäischen Räucherpflanzen und beschreibt seine Verwendung in getrockneten Räuchermischungen.
Für die historische Einordnung ist allerdings entscheidend, zwischen der allgemeinen Verwendung als Räucherpflanze und einem konkret belegten Rauhnachtsbrauch zu unterscheiden.
Wenn in einer bestimmten Region während der Rauhnächte geräuchert wurde, bedeutet das noch nicht automatisch, dass dort auch Beifuß verwendet wurde. In den österreichischen Quellen begegnen uns unterschiedliche Räuchermaterialien, darunter Weihrauch, Wacholder und gesegnete Pflanzenteile. Die genaue Zusammensetzung war regional verschieden und lässt sich nicht zu einer einzigen verbindlichen Kräuterliste zusammenfassen.
Auch die heute verbreitete Vorstellung, Beifuß sei grundsätzlich die Pflanze für alle Übergänge und Schwellenzeiten, ist vor allem eine moderne symbolische Deutung, die sich auf ältere Schutzvorstellungen beziehen kann.
Das macht sie als persönliche Interpretation nicht weniger interessant. Wir sollten lediglich darauf achten, dass aus einer heutigen Bedeutung nicht rückwirkend ein historischer Beweis wird.
Warum gerade eine Pflanze für die Schwelle?
Wenn wir heute von Schwellenzeiten sprechen, meinen wir häufig jene besonderen Momente, in denen etwas zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Der Übergang zwischen zwei Jahreszeiten kann ebenso dazugehören wie ein Abschied, ein Neubeginn oder eine Lebensphase, in der wir noch nicht genau wissen, wohin unser Weg führen wird.
Der Beifuß passt als Sinnbild durchaus zu solchen Vorstellungen, wenn wir uns seine Geschichte näher ansehen. Er wurde in unterschiedlichen europäischen Überlieferungen mit dem Unterwegssein verbunden, spielte in Schutzvorstellungen eine Rolle und begegnet uns im Umfeld besonderer Festtage des Jahres.
Dass wir ihn heute mit Übergängen verbinden, ist deshalb eine nachvollziehbare moderne Interpretation seiner kulturgeschichtlichen Bedeutungen.
Vielleicht liegt darin auch ein schöner Zugang zum Pflanzenbrauchtum. Wir dürfen uns von historischen Überlieferungen berühren lassen, ihre Geschichten kennenlernen und daraus eigene Formen entwickeln, ohne behaupten zu müssen, dass unsere persönlichen Rituale bereits vor Jahrhunderten genau so praktiziert wurden.
Beifuß sammeln, trocknen und verwenden
Wer Beifuß selbst sammeln möchte, sollte zunächst lernen, die Pflanze sicher zu bestimmen. Besonders die silbrig-weiße Unterseite der Blätter, die tief eingeschnittene Blattform und die kräftigen, häufig rötlich überlaufenen Stängel helfen bei der Erkennung. Da es innerhalb der Gattung Artemisia verschiedene Arten gibt und andere Pflanzen ebenfalls ähnlich eingeschnittene Blätter besitzen können, sollte man sich niemals allein auf ein einzelnes Merkmal verlassen.
Für die Verwendung als Gewürz werden vor allem junge Triebspitzen und noch geschlossene Blütenknospen gesammelt. Wer das Kraut trocknen möchte, kann gesunde Pflanzenteile an einem luftigen, schattigen Ort aufhängen und anschließend trocken und lichtgeschützt aufbewahren.
Beim Sammeln sollten Straßenränder mit starker Verkehrsbelastung, belastete Böden und Flächen, die möglicherweise mit Pflanzenschutzmitteln behandelt wurden, gemieden werden. Ebenso selbstverständlich sollte es sein, nur so viel zu sammeln, wie tatsächlich gebraucht wird, und die Pflanzenbestände nicht unnötig zu beschädigen.
Wichtig ist außerdem, dass Beifuß nicht für jede Person unbedenklich ist. Die Pflanze enthält unterschiedliche Inhaltsstoffe, darunter ätherische Öle mit Thujon, dessen Konzentration je nach Pflanzenmaterial variieren kann. Während der Schwangerschaft sollte auf eine medizinische oder hoch dosierte Verwendung verzichtet werden. Auch bei Allergien gegen Korbblütler ist Vorsicht geboten.
Was uns der Beifuß heute erzählen kann
Ich finde, der Beifuß ist eine jener Pflanzen, die uns daran erinnern, wie wenig Aufmerksamkeit wir manchmal den Dingen schenken, die unmittelbar vor unserer Haustür wachsen. Wir bewundern seltene Blumen, bestellen exotische Kräuter aus fernen Ländern und suchen nach Pflanzen mit besonders geheimnisvollen Namen, während am Feldrand ein Gewächs steht, das Menschen seit vielen Jahrhunderten begleitet und dessen Geschichte ganze Bücher füllen könnte.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten Spaziergang einmal stehen zu bleiben, wenn wir einen Beifuß entdecken. Seine Blätter genauer anzusehen, ihre helle Unterseite zu betrachten und vorsichtig daran zu riechen, kann bereits genügen, um eine Pflanze kennenzulernen, an der wir zuvor unzählige Male achtlos vorbeigegangen sind.
Wenn wir uns anschließend mit ihren historischen Verwendungen beschäftigen, begegnen uns Menschen, die Beifuß zum Würzen ihrer Speisen nutzten, ihn als Schutzpflanze betrachteten oder mit bestimmten Festtagen verbanden. Wir erfahren etwas über ihre Hoffnungen, ihre Sorgen und darüber, wie sie versuchten, die Welt um sich herum zu verstehen.
Und vielleicht entdecken wir dabei auch, dass das alte Pflanzenwissen keineswegs immer aus geheimnisvollen Ritualen bestand. Manchmal war es schlicht die Erfahrung, welche Kräuter in der Umgebung wuchsen, wann man sie sammeln konnte und wofür sie im Haushalt gebraucht wurden.
Gerade darin liegt für mich ein besonderer Wert dieser Überlieferungen. Sie verbinden uns mit der Landschaft, in der wir leben, und mit jenen Generationen, die vor uns dieselben Wege gegangen sind.
Der Beifuß wird vermutlich auch im kommenden Sommer wieder irgendwo am Straßenrand stehen, während wir mit unseren Gedanken längst beim nächsten Termin sind. Vielleicht nehmen wir uns dann einen Augenblick Zeit, um ihn anzusehen.
„Schließlich muss eine Pflanze nicht selten sein, um eine bemerkenswerte Geschichte zu besitzen."
Quellen & weiterführende Literatur
- 011. Österreichisches Gesundheitsportal: „Beifuß". Botanische Merkmale, Inhaltsstoffe, kulinarische Verwendung und gesundheitliche Vorsichtsmaßnahmen.
https://www.gesundheit.gv.at/leben/ernaehrung/kraeuter-gewuerze/kraeuter/beifuss.html - 022. DIE UMWELTBERATUNG: „Der Gewöhnliche Beifuß – vielfältiges Wildkraut mit Geschichte". Zur traditionellen Verwendung von Beifuß als Gewürz-, Kräuter- und Räucherpflanze.
https://www.umweltberatung.at/der-gewoehnliche-beifuss/ - 033. Bundesamt für Naturschutz: FloraWeb – Artemisia vulgaris L. Botanische Beschreibung, Standortansprüche, Blütezeit und Merkmale des Gewöhnlichen Beifußes.
https://www.floraweb.de/php/artenhome.php?suchnr=618 - 044. Zeitschrift für österreichische Volkskunde (1905). Historische volkskundliche Beiträge zu Johannisbräuchen, Pflanzen und Schutzvorstellungen in verschiedenen europäischen Regionen.
https://volkskundemuseum.at/jart/prj3/volkskundemuseum/data/uploads/downloads/OeZV_Volltexte/ZOEV_1905.pdf - 055. Plinius der Ältere: Naturalis historia, Buch 26. Antike Primärquelle zu Pflanzen der Artemisia-Gruppe und den ihnen zugeschriebenen Eigenschaften. Die genaue botanische Zuordnung antiker Pflanzennamen ist nicht in allen Fällen eindeutig.
- 066. Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, Wien: „Beifuß". Zur historischen medizinischen Verwendung und zu den mit Beifuß verbundenen Vorstellungen.
https://muvs.org/de/themen/t-pflanzen/beifuss/



