Band 03 · Beltane·Kapitel 03

Walpurgisnacht – die Hexen, die es niemals gab

Was hinter der Nacht der Hexen steckt und weshalb ihre Geschichte so viel trauriger ist als ihre Legenden

15 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Stell dir vor, du lebst in einem kleinen Dorf, irgendwo im deutschsprachigen Raum, vor ungefähr vierhundert Jahren. Du kennst die Menschen, die um dich herum wohnen, seit deiner Kindheit, weißt, wer mit wem verwandt ist, wer regelmäßig zur Kirche geht und wer sich mit wem schon seit Jahren über ein Stück Land streitet. Es ist eine überschaubare Welt, in der kaum etwas unbemerkt bleibt, und wenn ein Unglück geschieht, spricht sich die Nachricht schnell herum. Vielleicht ist eine Kuh plötzlich verendet, ein Kind schwer erkrankt oder ein Unwetter hat die Ernte zerstört, auf die eine Familie dringend angewiesen gewesen wäre. Niemand kann genau erklären, weshalb es geschehen ist, aber irgendjemand erinnert sich daran, dass die alte Nachbarin erst vor wenigen Tagen einen Streit mit dem Besitzer der Kuh hatte.

Vielleicht hatte sie ihm etwas Verwünschendes nachgerufen, vielleicht hatte sie nur wütend mit der Hand gewedelt, und vielleicht war sie überhaupt nicht beteiligt. Doch sobald sich der Verdacht einmal verbreitet hat, beginnen die Menschen, sich an weitere merkwürdige Dinge zu erinnern. Die Nachbarin lebt allein, sie gilt als schwierig, und irgendjemand behauptet, schon lange gewusst zu haben, dass mit ihr etwas nicht stimme.

Was zunächst wie gewöhnlicher Dorfklatsch klingt, konnte in bestimmten Regionen und Zeiten der europäischen Geschichte den Beginn einer Katastrophe bedeuten, denn aus solchen Verdächtigungen konnten Anklagen wegen Hexerei entstehen, die Menschen vor Gericht brachten, unter Folter zu Geständnissen zwangen und schließlich das Leben kosteten.

Wenn wir heute in der Nacht vom 30. April auf den 1. Mai Walpurgisnacht feiern, begegnen uns ganz andere Bilder. Wir sehen Hexen mit spitzen Hüten, Besen, schwarze Katzen und große Feuer, und vielerorts gehört ein wenig Grusel ebenso dazu wie Musik, Tanz und ausgelassene Frühlingsfreude. Die Geschichten erzählen von Hexen, die auf den Blocksberg fliegen, um dort mit dem Teufel zu feiern, und wir betrachten diese Vorstellungen inzwischen als einen unterhaltsamen Teil unserer Sagenwelt.

Doch hinter der Figur der Hexe verbirgt sich eine Geschichte, die wesentlich komplizierter ist, als es die bunten Darstellungen vermuten lassen. Denn während die Hexen der Walpurgisnacht auf ihren Besen durch die Luft fliegen, wurden in der wirklichen Geschichte Menschen beschuldigt, Dinge getan zu haben, die sie niemals getan hatten, und viele von ihnen bezahlten dafür mit ihrem Leben.

Warum heißt diese Nacht eigentlich Walpurgisnacht?

Beginnen wir mit einer Frau, die mit fliegenden Hexen zunächst erstaunlich wenig zu tun hatte.

Die heilige Walburga, auch Walpurga oder Walpurgis genannt, stammte aus dem angelsächsischen Raum und wirkte im 8. Jahrhundert als Missionarin und Äbtissin im Gebiet des heutigen Bayern. Sie gehört zu den bedeutenden frühmittelalterlichen Heiligengestalten der Region und wird besonders mit dem Kloster Heidenheim verbunden.

Ihr Gedenktag wurde in bestimmten mittelalterlichen Traditionen am 1. Mai begangen, wobei der Termin mit der Übertragung ihrer Reliquien in Verbindung gebracht wird. Der Name Walpurgisnacht leitet sich von dieser Heiligen und ihrem Festtag ab, auch wenn die heute bekannte Bezeichnung und ihre Verbindung mit Hexenversammlungen erst in späteren Jahrhunderten ihre vertraute Gestalt erhielt.

Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, denn eine christliche Heilige, die in ihrer eigenen Überlieferung mit Frömmigkeit und klösterlichem Leben verbunden war, gab einer Nacht ihren Namen, die wir heute beinahe ausschließlich mit Hexen, Teufeln und ausgelassenen Feiern verbinden.

Wie kam es dazu?

Die Antwort führt uns in eine Welt, in der sich religiöse Festtage, regionale Volksüberlieferungen und die Vorstellungen von Hexerei über lange Zeiträume miteinander vermischten.

Der Blocksberg und die Hexen, die durch die Nacht flogen

Wer von der Walpurgisnacht hört, denkt vermutlich früher oder später an den Blocksberg, jenen sagenhaften Berg, auf dem sich die Hexen in der Nacht zum 1. Mai versammelt haben sollen.

Hinter diesem Namen verbirgt sich vor allem der Brocken im Harz, der höchste Berg Norddeutschlands, dessen Landschaft bereits ohne jede übernatürliche Erklärung einen ausgesprochen geheimnisvollen Eindruck machen kann. Nebel, kräftige Winde und rasch wechselnde Wetterbedingungen prägen den Berg, und wer einmal erlebt hat, wie plötzlich die Sicht dort verschwinden kann, versteht vermutlich, weshalb sich um einen solchen Ort zahlreiche Geschichten entwickelten.

Bereits in der frühen Neuzeit begegnen uns Vorstellungen von Hexenversammlungen auf bestimmten Bergen, und der Brocken wurde zu einem besonders bekannten Schauplatz solcher Erzählungen. Dabei dürfen wir uns nicht vorstellen, dass es ursprünglich eine einzige überall verbreitete Geschichte gegeben hätte, in der sämtliche europäischen Hexen jedes Jahr am 30. April gemeinsam zum selben Berg flogen.

Vorstellungen von nächtlichen Fahrten, übernatürlichen Versammlungen und Begegnungen mit dämonischen Mächten entwickelten sich über längere Zeiträume hinweg und wurden in unterschiedlichen Regionen mit verschiedenen Orten verbunden.

Eine besonders einflussreiche literarische Darstellung stammt von Johann Wolfgang von Goethe, der die Walpurgisnacht in seinem 1808 veröffentlichten Faust. Der Tragödie erster Teil zu einem wilden, unheimlichen Schauspiel auf dem Brocken machte. Seine Schilderung prägte das spätere Bild der Walpurgisnacht erheblich und trug dazu bei, dass der Brocken bis heute als Hexenberg bekannt ist.

Die Hexenversammlung, die wir aus Literatur, Sagen und modernen Feiern kennen, ist damit ein historisch gewachsenes Vorstellungsbild. Sie erzählt uns viel darüber, was Menschen über Hexerei glaubten, aber nichts darüber, dass solche übernatürlichen Versammlungen tatsächlich stattgefunden hätten.

Und genau diese Unterscheidung wird besonders wichtig, sobald wir uns mit den Hexenprozessen beschäftigen.

Wer waren die Hexen wirklich?

Die Frage klingt zunächst einfach, ist historisch aber erstaunlich schwierig, weil wir zwischen Menschen unterscheiden müssen, die tatsächlich bestimmte magische Praktiken ausübten, jenen, denen andere solche Fähigkeiten zuschrieben, und den Angeklagten, die im Rahmen der Hexenverfolgungen als Hexen bezeichnet wurden.

In vielen europäischen Gesellschaften existierten Vorstellungen von Magie, Heilzaubern, Wahrsagerei und übernatürlichen Kräften. Menschen suchten bei Krankheiten oder anderen Schwierigkeiten manchmal Hilfe bei Personen, denen besondere Kenntnisse oder Fähigkeiten zugeschrieben wurden, und die Grenzen zwischen religiösen Handlungen, Volksmedizin und magischen Vorstellungen konnten fließend sein.

Doch daraus folgt keineswegs, dass die Opfer der Hexenverfolgungen überwiegend weise Kräuterfrauen oder Angehörige einer geheimen vorchristlichen Religion gewesen wären.

Diese Vorstellung ist heute weit verbreitet, besonders in spirituellen und naturverbundenen Kreisen, aber die historischen Gerichtsakten zeichnen ein anderes Bild. Unter den Angeklagten befanden sich Frauen und Männer unterschiedlichen Alters, aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und mit sehr unterschiedlichen Lebensgeschichten.

Manche waren arm, andere besaßen Eigentum, manche waren verheiratet, andere verwitwet, und gelegentlich gerieten sogar Menschen aus angesehenen Familien oder mit gesellschaftlichem Einfluss in den Verdacht der Hexerei.

Zwar konnten auch Personen verfolgt werden, die als Heiler:innen oder magisch Kundige galten, doch die Forschung sieht in ihnen keineswegs die überwiegende Gruppe der Opfer.

Viele der beschuldigten Menschen hatten vermutlich niemals etwas getan, das sie selbst als Hexerei bezeichnet hätten.

Sie waren Nachbar:innen, Eltern, Handwerker:innen, Bäuer:innen oder Menschen, die zur falschen Zeit in eine Situation gerieten, in der Verdächtigungen plötzlich eine tödliche Bedeutung bekamen.

Wie aus einer Anschuldigung ein Todesurteil wurde

Um die Hexenverfolgungen zu verstehen, müssen wir uns mit einer Vorstellung beschäftigen, die sich im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit zunehmend ausbreitete: dem Glauben, dass bestimmte Menschen mit dem Teufel einen Bund geschlossen hätten und durch seine Hilfe Schaden verursachen könnten.

Die Vorstellung schädlicher Magie war wesentlich älter, doch die Verbindung unterschiedlicher Elemente zu einem umfassenden Hexereidelikt entwickelte sich historisch über längere Zeiträume. Dazu gehörten der angebliche Teufelspakt, nächtliche Hexenversammlungen, der Flug durch die Luft und die Vorstellung, dass Hexen gemeinsam gegen die christliche Gesellschaft wirkten.

Besonders problematisch war, dass solche Anschuldigungen oft Dinge betrafen, die sich gewöhnlicher Überprüfung entzogen. Wenn jemand behauptete, eine Nachbarin habe durch Zauberei eine Krankheit verursacht, konnte die Beschuldigte kaum beweisen, dass sie niemals eine solche übernatürliche Handlung ausgeführt hatte.

In bestimmten Gerichtsverfahren wurde Folter eingesetzt, um Geständnisse zu erzwingen, wobei die Anwendung und rechtliche Zulässigkeit regional unterschiedlich geregelt waren. Unter schwersten Schmerzen erklärten Menschen schließlich Dinge, die sie zuvor bestritten hatten, und nannten manchmal weitere angebliche Beteiligte, wodurch neue Verfahren ausgelöst wurden.

Besonders erschütternd ist, dass solche erzwungenen Aussagen anschließend als Bestätigung des Hexenglaubens betrachtet werden konnten. Das Verfahren erzeugte damit unter bestimmten Bedingungen genau jene Beweise, die es zu finden vorgab.

Ein Mensch gestand unter Folter, mit dem Teufel getanzt zu haben, und dieses Geständnis wurde dann verwendet, um zu behaupten, dass solche Versammlungen tatsächlich existierten.

Wir wissen heute, dass Geständnisse unter Folter keine verlässlichen Beweise darstellen. Für viele der damaligen Angeklagten kam diese Erkenntnis jedoch zu spät.

Der Hexenhammer und die Angst vor Frauen

Im Jahr 1486 beziehungsweise 1487 erschien der Malleus Maleficarum, der sogenannte Hexenhammer, ein Werk, das vor allem mit dem Dominikaner Heinrich Kramer verbunden ist und zu den berüchtigtsten Schriften der europäischen Hexereigeschichte gehört.

Der Text versuchte, den Glauben an Hexerei theologisch zu begründen, und enthielt ausführliche Überlegungen darüber, wie vermeintliche Hexen erkannt, verfolgt und bestraft werden sollten. Besonders auffällig ist seine frauenfeindliche Argumentation, in der Frauen wiederholt als besonders anfällig für teuflische Verführung dargestellt werden.

Allerdings wäre es historisch falsch, den Hexenhammer als ein überall verbindliches Gesetzbuch der Kirche zu bezeichnen. Sein Einfluss war regional und zeitlich unterschiedlich, und die Hexenverfolgungen entstanden aus einem komplexen Zusammenspiel religiöser Vorstellungen, weltlicher Rechtsprechung, gesellschaftlicher Konflikte und politischer Entwicklungen.

Auch die häufige Behauptung, sämtliche Hexenprozesse seien ausschließlich von der katholischen Kirche durchgeführt worden, entspricht nicht der historischen Wirklichkeit.

Verfolgungen fanden sowohl in katholischen als auch in protestantischen Gebieten statt, und viele Prozesse wurden von weltlichen Gerichten geführt. Besonders intensiv waren sie in Teilen des Heiligen Römischen Reiches, wo die politische Zersplitterung und unterschiedliche rechtliche Verhältnisse eine wichtige Rolle spielten.

Dass Frauen besonders häufig beschuldigt wurden, lässt sich dennoch nicht übersehen. Je nach Region und Zeitraum stellten sie einen großen Teil der Angeklagten und Hingerichteten, wobei auch zahlreiche Männer und vereinzelt Kinder verfolgt wurden.

Die Hexenverfolgungen waren deshalb auch von geschlechtsspezifischen Vorstellungen geprägt, lassen sich aber nicht vollständig als einheitlicher Krieg gegen sämtliche Frauen erklären.

Gerade die tatsächliche Geschichte ist vielschichtig genug, um uns zu erschüttern, ohne dass wir sie durch vereinfachende Erzählungen noch dramatischer machen müssten.

Wie viele Menschen wurden als Hexen getötet?

Wenn über die Hexenverfolgungen gesprochen wird, begegnet uns häufig die Behauptung, neun Millionen Frauen seien auf europäischen Scheiterhaufen verbrannt worden.

Diese Zahl ist historisch nicht haltbar.

Die heutige Forschung geht auf Grundlage der erhaltenen Gerichtsakten und historischer Schätzungen von ungefähr 40.000 bis 60.000 Hinrichtungen wegen Hexerei in Europa aus, wobei die genaue Zahl aufgrund unvollständiger Überlieferungen nicht abschließend feststeht. Die intensivsten Verfolgungswellen fanden vor allem in der frühen Neuzeit statt, insbesondere zwischen dem späten 16. und dem 17. Jahrhundert.

Auch die Vorstellung, sämtliche Opfer seien auf Scheiterhaufen verbrannt worden, stimmt nicht. Die Hinrichtungsarten unterschieden sich nach Region und Rechtsordnung. In manchen Gebieten wurden Verurteilte verbrannt, andernorts gehängt oder enthauptet, und gelegentlich erfolgte eine Enthauptung vor der anschließenden Verbrennung des Körpers.

Wenn wir von Zehntausenden getöteten Menschen sprechen, sollten wir uns bewusst machen, dass hinter jeder einzelnen Zahl ein Mensch stand, der ein Leben, Beziehungen, Hoffnungen und eine Geschichte besaß.

Vielleicht hatte jemand Kinder, die nach einer Verhaftung ihre Mutter niemals wiedersahen, oder einen Ehepartner, der selbst unter Verdacht geriet, weil er versuchte, die beschuldigte Person zu verteidigen.

Vielleicht war es eine Frau, die als schwierig galt, ein Mann, der mit seinem Nachbarn seit Jahren im Streit lag, oder ein Kind, das unter dem Druck eines Verfahrens Dinge erzählte, deren Bedeutung es kaum verstehen konnte.

Wir kennen nicht jede dieser Geschichten, aber viele Gerichtsakten haben Namen und einzelne Lebensumstände bewahrt, und gerade dadurch wird die Geschichte der Hexenverfolgungen so erschütternd.

Es geht um Menschen, die aufgrund von Vorstellungen über übernatürliche Verbrechen verfolgt und getötet wurden, obwohl für die ihnen zugeschriebenen dämonischen Handlungen keine tatsächlichen Beweise existierten.

Die Hexenverfolgung war kein einziges großes Ereignis

Wenn wir von der europäischen Hexenverfolgung sprechen, entsteht leicht der Eindruck, es habe über mehrere Jahrhunderte hinweg eine einzige große Verfolgungsbewegung gegeben, die überall nach denselben Regeln ablief.

Tatsächlich unterschieden sich die Entwicklungen erheblich. In manchen Regionen fanden nur wenige Prozesse statt, während andernorts regelrechte Verfolgungswellen entstanden, bei denen innerhalb kurzer Zeit zahlreiche Menschen angeklagt und hingerichtet wurden.

Besonders schwere Verfolgungen gab es unter anderem in den geistlichen Territorien Würzburg und Bamberg während des frühen 17. Jahrhunderts, wo selbst Menschen aus angesehenen Familien nicht sicher vor Anschuldigungen waren.

In anderen Gebieten blieben vergleichbare Massenverfahren aus, und auch die Rolle der Gerichte, der örtlichen Obrigkeiten und der Bevölkerung war keineswegs überall dieselbe.

Die Forschung untersucht deshalb unterschiedliche Faktoren, die solche Verfolgungen begünstigten, darunter religiöse Konflikte, politische Machtverhältnisse, wirtschaftliche Krisen, lokale Feindschaften und bestimmte rechtliche Verfahren.

Auch Missernten, Krankheiten und andere Katastrophen konnten zur Suche nach Schuldigen beitragen, wobei es zu einfach wäre, die Hexenverfolgungen ausschließlich auf schlechte Ernten oder eine einzige Ursache zurückzuführen.

Gerade dieses Zusammenspiel unterschiedlicher Umstände macht deutlich, wie gefährlich es werden kann, wenn eine Gesellschaft beginnt, ihre Ängste und Konflikte auf einzelne Menschen zu übertragen.

Gab es Menschen, die sich gegen die Verfolgungen stellten?

Die Geschichte der Hexenverfolgungen besteht glücklicherweise nicht ausschließlich aus Menschen, die Anschuldigungen erhoben und Urteile vollstreckten. Schon während der Verfolgungszeit gab es Stimmen, die an der Rechtmäßigkeit der Verfahren zweifelten und die Anwendung von Folter kritisierten.

Besonders bekannt ist der Jesuit Friedrich Spee, der 1631 seine Schrift Cautio Criminalis veröffentlichte. Darin setzte er sich kritisch mit den Hexenprozessen auseinander und zeigte, wie problematisch Verfahren waren, in denen Menschen unter Folter zu Geständnissen gezwungen wurden.

Spee stellte dabei nicht sämtliche zeitgenössischen Vorstellungen von Hexerei grundsätzlich infrage, doch seine Kritik an den Verfahren war für seine Zeit bemerkenswert.

Auch andere Gelehrte, Juristen und Theologen äußerten Zweifel an einzelnen Formen der Verfolgung, und im Laufe der Zeit veränderten sich rechtliche und gesellschaftliche Einstellungen, wodurch die Hexenprozesse zunehmend zurückgingen.

Dieser Wandel verlief keineswegs überall gleichzeitig, und in manchen Regionen hielten sich entsprechende Verfahren wesentlich länger als in anderen.

Für mich gehört gerade diese Geschichte des Widerspruchs unbedingt zur Erinnerung an die Hexenverfolgungen, denn sie zeigt, dass auch innerhalb der damaligen Gesellschaft Menschen erkannten, wie gefährlich die Verbindung von Angst, Folter und vermeintlicher Gewissheit werden konnte.

Was hat das alles mit der Walpurgisnacht zu tun?

Wenn wir nun zur Nacht vom 30. April auf den 1. Mai zurückkehren, müssen wir zwei unterschiedliche Geschichten auseinanderhalten.

Auf der einen Seite steht die Walpurgisnacht als ein historisch gewachsenes Fest- und Sagenmotiv, dessen Name auf die heilige Walburga zurückgeht und das später eng mit Vorstellungen von Hexenversammlungen auf dem Brocken verbunden wurde.

Auf der anderen Seite steht die tatsächliche Geschichte der Hexenverfolgungen, in der Menschen aufgrund solcher und verwandter Vorstellungen beschuldigt, gefoltert und hingerichtet wurden.

Die Hexenprozesse waren keineswegs auf die Walpurgisnacht beschränkt, und es gibt keinen historischen Nachweis dafür, dass sich in dieser Nacht tatsächlich große Gruppen von Menschen zu den dämonischen Versammlungen trafen, die ihnen vorgeworfen wurden.

Die Verbindung besteht vor allem darin, dass die Vorstellungen vom Hexensabbat und von nächtlichen Hexenfahrten Teil jener Gedankenwelt waren, aus der auch die bekannten Walpurgisgeschichten hervorgingen.

Es wäre deshalb ebenso ungenau, die heutige Walpurgisnacht einfach als Gedenktag der Hexenverbrennungen zu bezeichnen, wie es falsch wäre, die historische Gewalt hinter dem Hexenglauben vollständig auszublenden.

Wir können heute ausgelassen feiern, uns verkleiden und die Geschichten vom Blocksberg mit einem Schmunzeln betrachten, während wir zugleich wissen, dass die Vorstellung von Hexerei für viele Menschen früherer Jahrhunderte eine sehr ernste und manchmal tödliche Angelegenheit war.

Und was ist mit den weisen Kräuterfrauen?

Besonders in modernen spirituellen Kreisen begegnet uns häufig die Vorstellung, die verfolgten Hexen seien in Wahrheit weise Frauen gewesen, die sich mit Heilpflanzen, Geburtshilfe und alten naturreligiösen Traditionen beschäftigten.

Ich verstehe, weshalb diese Erzählung eine so starke Wirkung entfaltet, denn sie gibt den Opfern eine Würde zurück, die ihnen durch die historischen Anschuldigungen genommen wurde, und verbindet ihre Geschichte mit dem Wunsch, weibliches Wissen und Selbstbestimmung wieder stärker zu würdigen.

Allerdings dürfen wir dabei die tatsächlichen Menschen nicht aus dem Blick verlieren.

Die historischen Quellen zeigen, dass die Angeklagten sehr unterschiedliche Lebensgeschichten hatten und keineswegs überwiegend einer bestimmten Gruppe von Heilerinnen oder Kräuterkundigen angehörten. Manche wurden beschuldigt, weil sie als Außenseiter:innen galten, andere gerieten durch Nachbarschaftskonflikte in Verdacht, und wieder andere wurden innerhalb größerer Verfolgungswellen genannt, nachdem bereits angeklagte Personen unter Folter weitere Namen preisgegeben hatten.

Wenn wir alle Opfer nachträglich zu weisen Kräuterfrauen erklären, ersetzen wir ein historisch falsches Bild durch ein anderes.

Die Menschen, die als Hexen verfolgt wurden, mussten keine besonderen Fähigkeiten besitzen, um unschuldig zu sein. Sie mussten keine Heilerinnen, Hebammen oder Bewahrerinnen uralter Weisheiten gewesen sein, damit ihr Tod ein Unrecht war.

Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Erkenntnisse dieser Geschichte, denn die Würde eines Menschen hängt nicht davon ab, ob wir ihm im Nachhinein eine besonders bewundernswerte Rolle zuschreiben können.

Sie gehört ihm bereits deshalb, weil er ein Mensch ist.

Wenn wir heute Walpurgisnacht feiern

Ich finde, wir dürfen die Walpurgisnacht heute durchaus mit Freude, Musik und einem großen Feuer begehen, solange wir wissen, welche Geschichten sich hinter diesem Fest verbergen. Die alten Sagen vom Blocksberg besitzen ihren eigenen Reiz, und die Vorstellung, dass sich in einer Frühlingsnacht unheimliche Gestalten auf einem Berg versammeln, hat über Jahrhunderte hinweg Dichter:innen, Künstler:innen und Geschichtenerzähler:innen inspiriert.

Aber vielleicht könnten wir uns an diesem Abend auch einen Augenblick Zeit nehmen, um an jene Menschen zu denken, für die der Hexenglaube keine unterhaltsame Geschichte war.

An Frauen und Männer, die aufgrund von Verdächtigungen vor Gericht standen, an Kinder, die ihre Eltern verloren, und an Menschen, die unter Folter Dinge gestanden, die niemals geschehen waren.

Wir müssen dafür keine große Zeremonie erfinden und auch nicht behaupten, eine alte Tradition wiederzubeleben. Vielleicht genügt es, die Geschichte zu kennen und sie weiterzuerzählen, damit aus den Opfern der Hexenverfolgungen nicht bloß eine anonyme Zahl wird.

Denn wenn wir heute mit einem Hexenhut am Lagerfeuer stehen und darüber lachen, dass wir gleich zum Blocksberg fliegen, dürfen wir ruhig daran denken, dass es Zeiten gab, in denen ein solcher Vorwurf für einen Menschen den Tod bedeuten konnte.

Vielleicht macht gerade dieses Wissen die Walpurgisnacht zu einem Fest, das wir mit etwas mehr Bewusstsein betrachten sollten.

Die Geschichten vom Brocken dürfen bleiben, ebenso die Musik, das Feuer und die Freude darüber, dass der Frühling endlich angekommen ist.

Aber hinter dem Bild der fliegenden Hexe steht auch die Erinnerung an eine Zeit, in der Menschen glaubten, ihre Ängste dadurch besiegen zu können, dass sie andere Menschen zu Schuldigen erklärten.

Und ich denke, das ist eine Geschichte, die wir niemals vergessen sollten.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01Brian P. Levack (2016): The Witch-Hunt in Early Modern Europe. 4. Auflage. Routledge. Eines der grundlegenden wissenschaftlichen Werke zur Geschichte der europäischen Hexenverfolgungen, ihren Ursachen, regionalen Unterschieden und Opferzahlen.
  2. 02Wolfgang Behringer (2004): Witches and Witch-Hunts: A Global History. Polity Press. Historische Untersuchung von Hexenglauben und Hexenverfolgungen in unterschiedlichen kulturellen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.
  3. 03Lyndal Roper (2004): Witch Craze: Terror and Fantasy in Baroque Germany. Yale University Press. Wissenschaftliche Untersuchung der Hexenverfolgungen im deutschsprachigen Raum mit besonderem Augenmerk auf Geschlechterbilder, Ängste und gesellschaftliche Vorstellungen.
  4. 04Johannes Dillinger (2007): Hexen und Magie. Eine historische Einführung. Campus Verlag. Einführung in die historische Erforschung von Hexerei, Magie und Hexenverfolgungen.
  5. 05Heinrich Kramer (1486/1487): Malleus Maleficarum (Hexenhammer). Historische Primärquelle zur spätmittelalterlichen Hexenlehre und ihrer frauenfeindlichen Argumentation. Der Text dokumentiert Vorstellungen und Verfolgungsforderungen seiner Verfasser, nicht die tatsächliche Existenz dämonischer Hexerei.
  6. 06Friedrich Spee (1631): Cautio Criminalis. Zeitgenössische Kritik an Hexenprozessen und insbesondere an der Anwendung von Folter.
  7. 07Johann Wolfgang von Goethe (1808): Faust. Der Tragödie erster Teil. Literarische Quelle für die später besonders einflussreiche Darstellung der Walpurgisnacht auf dem Brocken.
    https://www.gutenberg.org/ebooks/2229
  8. 08Ronald Hutton (2017): The Witch: A History of Fear, from Ancient Times to the Present. Yale University Press. Wissenschaftliche Untersuchung der Entwicklung von Hexenvorstellungen und ihrer unterschiedlichen kulturellen Hintergründe.
  9. 09Encyclopaedia Britannica: „Walpurgis Night“. Zur Geschichte der Walpurgisnacht und ihrer Verbindung mit der heiligen Walburga sowie späteren Hexenüberlieferungen.
    https://www.britannica.com/topic/Walpurgis-Night
  10. 10Encyclopaedia Britannica: „Witchcraft“. Zur historischen Entwicklung des europäischen Hexenglaubens und der Hexenverfolgungen.
    https://www.britannica.com/topic/witchcraft
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