Brigid — Heilige und Göttin
Zwei Schichten, eine Figur?
Manchmal begegnet uns in alten Überlieferungen ein Name, der über so viele Jahrhunderte hinweg weitergetragen wurde, dass wir heute kaum mehr erkennen können, welche Geschichten ursprünglich zu ihm gehörten und welche erst später hinzugekommen sind. Brigid ist ein solcher Name, und wer beginnt, sich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen, findet sich bald zwischen irischen Göttererzählungen, mittelalterlichen Heiligenlegenden, heiligen Quellen, kunstvoll geflochtenen Kreuzen und einem Feuer wieder, das in der Überlieferung von Kildare eine besondere Rolle spielt. Es ist eine faszinierende Geschichte, gerade weil sich die verschiedenen Schichten nicht so einfach voneinander trennen lassen, wie wir das heute vielleicht gerne hätten.
Am 1. Februar wird in Irland der Gedenktag der heiligen Brigid begangen, einer der bedeutendsten Heiligengestalten des Landes. Derselbe Termin ist mit dem älteren irischen Frühlingsfest Imbolc verbunden, und in mittelalterlichen mythologischen Texten begegnet uns außerdem eine Göttin namens Brigit. Es liegt daher nahe, nach einem Zusammenhang zu suchen, zumal sich in der späteren Überlieferung verschiedene Motive finden, die sowohl an religiöse als auch an jahreszeitliche Vorstellungen erinnern.
Doch bevor wir Brigid zur uralten Frühlingsgöttin erklären, die eines Tages einfach ein christliches Gewand angezogen habe, sollten wir genauer betrachten, was die Quellen tatsächlich erzählen. Denn die Göttin und die Heilige besitzen jeweils eigene Überlieferungen, und die Frage, wie sie historisch miteinander verbunden sind, gehört zu den interessantesten und zugleich schwierigsten Themen der irischen Religionsgeschichte.
Die Göttin, die von Dichtern verehrt wurde
Eine der wichtigsten frühen Quellen für die irische Göttin Brigit ist das sogenannte Sanas Cormaic, ein altirisches Glossar, dessen Entstehung gewöhnlich in das Umfeld des 9. oder 10. Jahrhunderts eingeordnet wird. Darin wird Brigit als Tochter des Dagda beschrieben, einer bedeutenden Gestalt der irischen Mythologie, und ausdrücklich mit Dichtung und Weisheit verbunden. Besonders bemerkenswert ist die Aussage, dass sie von Dichtern verehrt wurde, denn diese besaßen im frühmittelalterlichen Irland eine wichtige gesellschaftliche Stellung, die weit über das Verfassen schöner Verse hinausging.
Die Quelle nennt außerdem zwei weitere Gestalten mit demselben Namen, die als Schwestern Brigits beschrieben werden und mit Heilkunst beziehungsweise Schmiedekunst verbunden sind. Daraus entstand später die verbreitete Vorstellung einer dreifachen Göttin, die Dichtung, Heilung und Schmiedekunst in sich vereine. Diese Deutung besitzt durchaus einen Anknüpfungspunkt in der mittelalterlichen Überlieferung, allerdings beschreibt der Text zunächst drei Schwestern gleichen Namens, und wir können daraus nicht zweifelsfrei ableiten, dass ursprünglich eine einzige Göttin mit drei Erscheinungsformen verehrt wurde.
Besonders vorsichtig sollten wir bei der heute häufig anzutreffenden Darstellung sein, Brigid verkörpere die drei Lebensalter Jungfrau, Mutter und weise Alte. Dieses Schema ist aus modernen spirituellen Vorstellungen bekannt, lässt sich aber aus dem genannten frühen Text nicht als ursprüngliche Eigenschaft Brigits nachweisen.
Eine weitere bemerkenswerte Erzählung begegnet uns in Cath Maige Tuired, der Geschichte der zweiten Schlacht von Mag Tuired. Dort erscheint Bríg als Mutter eines Sohnes namens Ruadán, der im Kampf getötet wird. Als sie von seinem Tod erfährt, erhebt sie eine Totenklage, die in der Erzählung mit dem Ursprung des irischen Klagegesangs verbunden wird.
Mich berührt diese Geschichte besonders, weil uns Brigid hier in einer ganz anderen Gestalt begegnet als in vielen heutigen Darstellungen, die sie fast ausschließlich mit Licht, Fruchtbarkeit und Neubeginn verbinden. Die mythologische Bríg ist auch eine Mutter, die um ihren Sohn trauert, und in ihrer Klage begegnet uns jene Erfahrung, die Menschen über alle Zeiten hinweg miteinander verbindet: dass Liebe und Verlust manchmal so eng beieinanderliegen, dass sich das eine ohne das andere kaum begreifen lässt.
Die heilige Brigid von Kildare
Wenden wir uns der christlichen Brigid zu, gelangen wir in das Irland des frühen Mittelalters, in eine Zeit, in der sich christliche Gemeinschaften entwickelten und religiöse Zentren eine zunehmende Bedeutung erhielten. Nach der späteren Überlieferung lebte Brigid im 5. und frühen 6. Jahrhundert und wurde besonders mit Kildare verbunden, einem wichtigen kirchlichen Zentrum, dessen Geschichte eng mit ihrer Verehrung verwoben ist.
Obwohl Brigid zu den bekanntesten Heiligen Irlands gehört, wissen wir über ihr tatsächliches Leben weit weniger, als die zahlreichen Legenden vermuten lassen. Zu den wichtigsten frühen Texten gehört die im 7. Jahrhundert verfasste Lebensbeschreibung des Cogitosus, die uns viel über die Verehrung der Heiligen und die Bedeutung Kildares erzählt, aber selbstverständlich keine moderne Biografie im heutigen Sinn darstellt.
Heiligenviten wurden geschrieben, um die Heiligkeit einer Person zu bezeugen, religiöse Gemeinschaften zu stärken und außergewöhnliche Ereignisse als Ausdruck göttlichen Wirkens zu schildern. Wundererzählungen gehörten zu dieser literarischen Tradition, weshalb wir die Berichte nicht einfach als unmittelbar überprüfbare historische Ereignisse behandeln können.
In den Legenden erscheint Brigid als Frau von großer Großzügigkeit, die sich um Bedürftige kümmert und deren Wirken mit Versorgung, Schutz und religiöser Hingabe verbunden wird. Besonders schön ist eine Überlieferung, in der sie so großzügig mit Lebensmitteln umgeht, dass die Vorräte auf wundersame Weise ausreichen, obwohl sie nach gewöhnlicher Rechnung längst aufgebraucht sein müssten. Wer jemals versucht hat, für eine größere Gruppe zu kochen, wird verstehen, weshalb solche Geschichten durchaus ihren Reiz besitzen.
Die historischen Einzelheiten ihres Lebens bleiben vielfach unsicher, doch die Bedeutung ihrer Verehrung ist unbestreitbar. Über Jahrhunderte entwickelte sich Brigid zu einer zentralen Heiligenfigur Irlands, und ihr Name blieb mit zahlreichen Kirchen, Quellen, Orten und Bräuchen verbunden.
Das Feuer von Kildare
Zu den bekanntesten Motiven der Brigid-Überlieferung gehört ein Feuer, das in Kildare gehütet worden sein soll. Der mittelalterliche Schriftsteller Giraldus Cambrensis berichtete im späten 12. Jahrhundert von einer besonderen Feuertradition an diesem Ort, die mit einer Gemeinschaft religiöser Frauen verbunden war.
Diese Überlieferung wird heute häufig als unmittelbarer Beweis dafür angeführt, dass in Kildare bereits vor der Christianisierung ein ewiges Feuer zu Ehren der Göttin Brigid gebrannt habe. Doch dafür besitzen wir keinen eindeutigen zeitgenössischen Nachweis. Die mittelalterliche Quelle bezeugt eine christliche Feuertradition, und auch wenn mögliche ältere Zusammenhänge diskutiert werden, lässt sich aus ihr allein keine ununterbrochene vorchristliche Kultpraxis rekonstruieren.
Hinzu kommt, dass Feuer keineswegs ausschließlich ein vorchristliches religiöses Symbol war. Auch innerhalb des Christentums besitzt es eine lange und vielfältige Bedeutung, weshalb wir nicht jedes Feuer in einer Heiligenüberlieferung automatisch als Überrest eines heidnischen Kultes betrachten sollten.
Das macht die Geschichte von Kildare für mich keineswegs weniger faszinierend, denn auch eine über viele Jahrhunderte gewachsene christliche Tradition erzählt uns etwas darüber, welche Bedeutung Menschen einem Ort, einer Heiligen und einem gemeinsam gehüteten Licht geben konnten.
Wurde aus einer Göttin eine Heilige?
Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Brigit und Brigid beschäftigt die Forschung seit Langem. Die Übereinstimmung der Namen, die Verbindung zum 1. Februar und bestimmte Motive innerhalb der Überlieferung sprechen dafür, dass es kulturelle Berührungspunkte gegeben haben könnte. Die historische Forschung diskutiert deshalb, in welchem Ausmaß ältere Vorstellungen von der Göttin in die Verehrung der Heiligen eingegangen sind.
Allerdings wäre es eine erhebliche Vereinfachung, daraus zu schließen, die Kirche habe eine Göttin lediglich umbenannt und anschließend als Heilige weiterverwendet. Eine solche Erklärung setzt voraus, dass wir den ursprünglichen Kult der Göttin ausreichend kennen und seine direkte Fortsetzung in der christlichen Verehrung nachweisen können, doch gerade diese Beweiskette ist lückenhaft.
Ebenso wenig lässt sich aus der unsicheren Quellenlage ableiten, dass zwischen beiden Gestalten keinerlei Verbindung bestanden habe. Die Entwicklung religiöser Traditionen ist häufig komplizierter als eine vollständige Ablösung des Alten durch das Neue, und gerade in Irland entstanden über lange Zeiträume hinweg vielfältige Beziehungen zwischen älteren Erzählstoffen und christlichen Vorstellungen.
Für uns ist deshalb vielleicht die sorgfältigste Formulierung, dass Brigid in zwei miteinander verbundenen, aber historisch nicht vollständig auflösbaren Überlieferungsschichten begegnet: als Göttin der irischen Mythologie und als christliche Heilige, deren Verehrung eine eigenständige Geschichte besitzt.
Eine Frau, die viele Geschichten trägt
Was mich an Brigid besonders fasziniert, ist die Vielfalt der Geschichten, die sich mit ihrem Namen verbinden. Da ist die mythologische Tochter des Dagda, die mit Dichtung und Weisheit verbunden wird, die trauernde Mutter, deren Klage in einer alten Erzählung nachklingt, und die christliche Heilige, deren Großzügigkeit und Fürsorge über viele Jahrhunderte weitererzählt wurden. Hinzu kommen die Menschen, die am Vorabend ihres Festtages Binsen sammelten, Kreuze flochten oder ein Stück Stoff ins Freie legten, weil sie sich davon Schutz und Segen erhofften.
All diese Geschichten entstanden nicht zur selben Zeit und besitzen unterschiedliche religiöse Hintergründe, aber sie zeigen uns, wie ein Name über viele Generationen hinweg Bedeutung behalten und zugleich neue Bedeutungen annehmen kann.
Vielleicht müssen wir Brigid deshalb auch gar nicht auf eine einzige ursprüngliche Gestalt reduzieren, um uns von ihrer Geschichte berühren zu lassen. Wir dürfen die Göttin in den alten Texten kennenlernen, die christliche Heilige in ihrer eigenen Überlieferung betrachten und zugleich verstehen, weshalb Menschen heute in Brigid eine Gestalt sehen, die sie mit Kreativität, Fürsorge und dem beginnenden Frühling verbindet.
Solange wir dabei unterscheiden, was die Quellen erzählen und was wir selbst darin erkennen, bleibt genügend Raum für die Faszination, die von dieser außergewöhnlichen Überlieferung ausgeht.
Und vielleicht ist gerade das eine schöne Art, mit alten Geschichten umzugehen: Wir müssen ihnen nichts hinzufügen, was sie historisch nicht hergeben, denn oft sind sie bereits reich genug, wenn wir uns die Zeit nehmen, ihnen wirklich zuzuhören.
Quellen & weiterführende Literatur
- 01Sanas Cormaic (Cormac's Glossary), 9./10. Jahrhundert. Wichtige frühe Quelle zur Göttin Brigit, ihrer Verbindung zur Dichtung und den beiden gleichnamigen Schwestern.
- 02Cath Maige Tuired (Die zweite Schlacht von Mag Tuired). Mittelalterliche irische mythologische Erzählung, in der Bríg um ihren Sohn Ruadán trauert.
- 03Cogitosus: Vita Sanctae Brigidae, 7. Jahrhundert. Eine der wichtigsten frühen Lebensbeschreibungen der heiligen Brigid von Kildare.
- 04Giraldus Cambrensis: Topographia Hibernica, spätes 12. Jahrhundert. Mittelalterliche Quelle zur Feuertradition in Kildare.
- 05Dictionary of Irish Biography: Brigit (Brighid, Bríd, Bride, Bridget). Royal Irish Academy. Wissenschaftliche Darstellung der historischen und legendären Überlieferung.
https://www.dib.ie/biography/brigit-brighid-brid-bride-bridget-a0961 - 06Carole M. Cusack: Brigit: Goddess, Saint, 'Holy Woman', and Bone of Contention. Religionswissenschaftliche Untersuchung der Beziehungen zwischen Göttin und Heiliger.
https://www.researchgate.net/publication/265281127_Brigit_Goddess_Saint_%27Holy_Woman%27_and_Bone_of_Contention
