Band 02 · Imbolc·Kapitel 02

Warum Imbolc eine Schwellenzeit ist

Die erste Bewegung nach dem Winter

11 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Anfang Februar befindet sich die Natur in einem merkwürdigen Zustand, denn obwohl wir uns noch mitten im Winter wähnen, hat sich die Bewegung des Jahres längst verändert. Seit der Wintersonnenwende werden die Tage auf der Nordhalbkugel wieder länger, und inzwischen ist der Unterschied deutlich genug, dass wir ihn auch ohne Kalender bemerken können. Trotzdem liegt auf den Wiesen noch Frost, in manchen Gegenden türmt sich der Schnee, und unter der Erde ruhen unzählige Pflanzen, deren erste Triebe noch auf sich warten lassen. Es ist eine Zeit, in der zwei Jahreszeiten gewissermaßen nebeneinander existieren, weil der Winter noch gegenwärtig ist, während der kommende Frühling bereits seine ersten Spuren hinterlässt.

Solche Zwischenzeiten haben Menschen in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen beschäftigt, und in der Kulturanthropologie begegnet uns dafür der Begriff der Schwelle. Der französische Ethnologe Arnold van Gennep untersuchte zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie Gesellschaften Übergänge zwischen verschiedenen Lebensabschnitten gestalten, und beschrieb dabei eine Phase, in der das Bisherige bereits verlassen wurde, während der neue Zustand noch nicht vollständig erreicht ist. Später beschäftigte sich Victor Turner ausführlicher mit solchen Übergangszuständen, die er als liminale Phasen untersuchte.

Wenn wir Imbolc heute als Schwellenzeit bezeichnen, greifen wir auf diese kulturwissenschaftliche Vorstellung zurück und übertragen sie auf den jahreszeitlichen Übergang. Das ist eine nachvollziehbare moderne Interpretation, aber kein Beweis dafür, dass die Menschen im vorchristlichen Irland das Fest ursprünglich mit genau dieser Bedeutung feierten.

Wenn ein Jahr seine Richtung verändert

Was Imbolc innerhalb der traditionellen irischen Jahresgliederung besonders macht, ist seine Stellung am Beginn des Frühlings, während der Winter in der Landschaft noch deutlich spürbar sein kann. Der 1. Februar gehörte in dieser Einteilung bereits zum neuen jahreszeitlichen Abschnitt, auch wenn die Veränderungen in der Natur allmählich und regional unterschiedlich verliefen.

Für Menschen, deren Leben von Landwirtschaft und Tierhaltung geprägt war, konnten solche Übergänge eine unmittelbare Bedeutung besitzen. Der Zustand der Vorräte, die Gesundheit der Tiere und die Vorbereitung auf die kommenden Arbeiten waren entscheidend dafür, wie eine Gemeinschaft durch das Jahr kam. Wenn die ersten Lämmer geboren wurden und die Milchproduktion wieder einsetzte, konnte das ein wichtiges Zeichen innerhalb des landwirtschaftlichen Jahres sein, auch wenn wir daraus nicht ableiten dürfen, dass sämtliche historischen Imbolc-Bräuche ursprünglich ausschließlich der Schafhaltung dienten.

Die Vorstellung, dass sich unter der noch winterlichen Oberfläche bereits etwas verändert, lässt sich besonders schön an Pflanzen beobachten, deren Entwicklung lange vor dem ersten sichtbaren Austrieb beginnt. Schneeglöckchen und andere Frühblüher haben ihre eigenen Wachstumsrhythmen, und was für uns plötzlich wie ein kleiner Frühlingsgruß aus dem Boden auftaucht, ist das Ergebnis von Prozessen, die längst begonnen haben.

Vielleicht fasziniert uns diese Zeit gerade deshalb, weil wir im gewöhnlichen Alltag dazu neigen, Veränderungen erst dann ernst zu nehmen, wenn sie für alle sichtbar geworden sind. Wir sehen die Blüte, den fertigen Entschluss oder den neuen Lebensabschnitt, während die lange Zeit davor, in der etwas herangereift ist, häufig kaum Beachtung findet.

Was die Schwelle mit unserem Leben zu tun hat

Wer sich schon einmal aus einer schwierigen Lebensphase herausbewegt hat, kennt möglicherweise dieses eigentümliche Gefühl, dass die Veränderung bereits begonnen hat, obwohl der Alltag noch immer von den alten Umständen geprägt wird. Man hat vielleicht beschlossen, einen anderen Weg einzuschlagen, aber die notwendigen Schritte brauchen Zeit, oder man spürt nach einer langen Phase der Trauer zum ersten Mal wieder Freude, ohne dass der Verlust dadurch weniger bedeutsam geworden wäre.

Solche Erfahrungen sind selbstverständlich keine direkten Entsprechungen historischer Initiationsriten, und wir sollten mit anthropologischen Begriffen vorsichtig umgehen, wenn wir sie auf unser persönliches Leben übertragen. Dennoch kann die Vorstellung einer Schwelle helfen, Übergänge als Prozesse zu betrachten, die eine eigene Dauer besitzen und deren Bedeutung sich oft erst im Rückblick erschließt.

Imbolc bietet dafür ein schönes Bild, weil der jahreszeitliche Wandel zu diesem Zeitpunkt noch so wenig eindeutig ist. Wir können die längeren Tage wahrnehmen und trotzdem frieren, wir können die ersten Knospen entdecken und am nächsten Morgen wieder Schnee schaufeln, und manchmal scheint die Natur selbst noch nicht recht zu wissen, ob sie nun endlich aufbrechen oder sich lieber ein paar Wochen länger ausruhen möchte.

Die erste Bewegung verdient Aufmerksamkeit

Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, vor allem jene Veränderungen zu feiern, die bereits zu einem sichtbaren Ergebnis geführt haben. Wir gratulieren zur bestandenen Prüfung, zur neuen Arbeit, zur Geburt eines Kindes oder zum fertigen Projekt, während die vielen kleinen Schritte davor meist im Verborgenen bleiben. Dabei sind es oft gerade diese unscheinbaren Anfänge, die später eine große Bedeutung bekommen, obwohl wir sie im Augenblick ihres Entstehens kaum bemerken.

Für mich liegt darin eine schöne Möglichkeit, Imbolc heute zu begehen, denn wir müssen den Frühling keineswegs vorzeitig herbeiwünschen, um seine ersten Anzeichen zu würdigen. Wir dürfen uns noch mitten im Winter befinden und trotzdem erkennen, dass sich etwas verändert hat, und vielleicht können wir mit derselben Aufmerksamkeit auf unser eigenes Leben schauen.

Was beginnt sich gerade zu bewegen, obwohl es noch keinen Namen hat? Welche Entscheidung wächst bereits in uns, ohne dass wir sie jemandem erzählt haben, und welche Veränderung dürfen wir noch eine Weile reifen lassen, bevor wir von ihr erwarten, dass sie Früchte trägt?

Solche Fragen gehören zu unserer heutigen Beschäftigung mit Imbolc und sind keine historisch überlieferten keltischen Ritualanweisungen. Aber sie können uns dabei helfen, den Jahreslauf bewusster wahrzunehmen und jene leisen Übergänge zu würdigen, die zwischen den großen Ereignissen unseres Lebens stattfinden.

Vielleicht müssen wir Anfang Februar gar nichts Besonderes erreichen. Vielleicht genügt es, an einem kalten Morgen hinauszugehen, den Boden unter unseren Füßen zu spüren und aufmerksam nach dem zu schauen, was sich bereits verändert hat.

Denn wer immer nur auf den fertigen Frühling wartet, verpasst möglicherweise die schönste Geschichte seines Anfangs.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01Arnold van Gennep (1909): Les rites de passage. Paris: Émile Nourry. Grundlagenwerk über Übergangsriten und die Phasen der Trennung, des Übergangs und der Angliederung.
  2. 02Victor Turner (1969): The Ritual Process: Structure and Anti-Structure. Aldine. Wissenschaftliche Weiterentwicklung des Konzepts der Liminalität.
  3. 03Kelly Fitzgerald (2024): What do we know about the roots of the Imbolc spring festival? RTÉ Brainstorm. Zur historischen Überlieferung von Imbolc und seiner Stellung innerhalb des irischen Jahres.
    https://www.rte.ie/brainstorm/2024/0131/1429455-imbolc-imbolg-spring-pagan-festival-brigit/
  4. 04Bernhard Maier: Die Religion der Kelten. Götter, Mythen, Weltbild. C. H. Beck. Zur religionsgeschichtlichen Einordnung der irischen Festtermine.