Warum wir uns mit dem Sterben beschäftigen sollten — zu Lebzeiten
Eine alte Übung, kein Morbides
Wer sich mit dem Sterben beschäftigt, tut etwas, das unsere Gegenwart eher meidet. Der Tod ist aus dem Alltag weitgehend verschwunden — er findet in Krankenhäusern statt, in Hospizen, hinter Türen, die die meisten nicht öffnen. Das war nicht immer so. In einer Welt, in der der Tod näher war, war er auch präsenter — und die Auseinandersetzung mit ihm war keine Schwermut, sondern eine Übung.
Samhain ist eine der Zeiten, an denen diese Übung ihren Platz im Jahr hatte. Die Schwelle zur dunklen Hälfte, die Nähe der Toten, das Gedächtnis der Ahnen — all das sind Gesten einer Kultur, die den Tod nicht verdrängte, sondern einordnete. Wer Samhain begeht, begeht eine alte Übung: die Übung, sich an das Ende zu erinnern, solange man noch am Leben ist.
Memento mori — eine alte Übung
Die Auseinandersetzung mit dem Tod hat in vielen Kulturen einen Namen. Im christlichen Kontext heißt sie memento mori — „gedenke des Todes“. Die Übung ist alt: sie findet sich in der antiken Philosophie, im frühen Mönchtum, in der barocken Vanitas-Kunst. Sie ist nicht morbide, sondern klärend. Wer sich an das Ende erinnert, erinnert sich an die Begrenztheit der Zeit — und das klärt, was wichtig ist und was nicht.
Die Übung ist nicht christlich allein. In vielen Kulturen gibt es Zeiten, an denen die Toten näher rücken und die Lebenden sich an sie erinnern. Samhain ist eine solche Zeit im gälischen Jahr. Die Rauhnächte sind eine solche Zeit im alpinen Jahr. Das mexikanische Día de los Muertos ist eine solche Zeit. Was diese Feste eint, ist nicht die Form, sondern die Haltung: den Tod nicht zu verdrängen, sondern ihm einen Platz im Jahr zu geben.
Was die Übung trägt
Wer sich mit dem Sterben beschäftigt, beschäftigt sich nicht mit dem Tod allein, sondern mit dem Leben. Die Übung des memento mori ist keine Übung in Schwermut, sondern in Klarheit. Wer weiß, dass die Zeit begrenzt ist, fragt anders: was will ich tun? was will ich lassen? was will ich sagen, solange ich es noch kann? Was will ich loslassen, was will ich behalten?
Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine sehr alte. Die stoische Philosophie hat sie geübt, das frühe Christentum hat sie geübt, die Volksbräuche der Schwellenzeiten haben sie geübt. Wer an Samhain einen Verstorbenen gedenkt, übt sie. Wer in den Rauhnächten das Jahr zurückblickt, übt sie. Wer eine Kerze entzündet und einen Moment still hält, übt sie. Die Übung ist einfach — und sie ist schwer, gerade weil sie so einfach ist.
„Wer sich an das Ende erinnert, erinnert sich an die Begrenztheit der Zeit. Das klärt, was wichtig ist — und was nicht."
Warum zu Lebzeiten
Die Übung des memento mori ist eine Übung zu Lebzeiten — nicht erst im Angesicht des Endes. Wer sich erst dann mit dem Sterben beschäftigt, wenn es naht, hat keine Zeit mehr für die Klarheit, die die Übung trägt. Wer sich früher damit beschäftigt, hat die Zeit, das Leben anders zu führen: bewusster, entschiedener, mit weniger Aufschub.
Das ist keine Schwermut, sondern eine Befreiung. Wer weiß, dass die Zeit begrenzt ist, nimmt manches leichter und manches ernster. Er nimmt die kleinen Dinge leichter, weil er weiß, dass sie klein sind. Er nimmt die großen Dinge ernster, weil er weiß, dass sie nicht warten. Die Übung des memento mori ist keine Übung in Trauer, sondern in Aufmerksamkeit — und das ist ein Geschenk, das die alten Zeiten kannten und unsere Gegenwart weitgehend verlernt hat.
Was Samhain trägt
Samhain ist eine der Zeiten, an denen diese Übung ihren Platz hat. Die Schwelle zur dunklen Hälfte, die Nähe der Toten, das Gedächtnis der Ahnen — all das sind Anlässe, sich an das Ende zu erinnern, ohne dass es drängen muss. Wer Samhain begeht, begeht keine Trauerfeier, sondern eine Übung: die Übung, das Jahr an seiner Schwelle zu halten und zu fragen, was getragen wurde, was gehen soll, was bleiben will.
Wer das heute aufgreift, braucht keine Rekonstruktion eines alten Rituals. Er braucht einen Moment, eine Kerze, einen leeren Stuhl, eine Liste. Was er tut, ist alt — die Übung, sich an das Ende zu erinnern, solange man noch am Leben ist. Und was er tut, ist zeitgemäß — die Übung, die unsere Gegenwart verlernt hat und die es lohnt, wieder zu lernen. Nicht aus Schwermut. Aus Klarheit.
Quellen & weiterführende Literatur
- 01Hadot, Pierre (1995): Qu'est-ce que la philosophie antique? Zur Übung des memento mori in der stoischen Philosophie als geistiger Praxis.
- 02Hutton, Ronald (1996): The Stations of the Sun: A History of the Ritual Year in Britain. Oxford University Press. Zur Verbindung von Schwellenzeiten und dem Gedächtnis der Toten.
https://academic.oup.com/book/1390 - 03National Museum of Ireland – National Folklife Collection: „Traditions and customs of Halloween / Samhain“. Zu den irischen Volksbräuchen, die die Toten einbeziehen.
https://source.museum.ie/en-IE/Collections-Research/Folklife-Collections/Folklife-Collections-List-%281%29/Religion-and-Calendar-Customs/Hallowe-en-Samhain - 04Danaher, Kevin (1972): The Year in Ireland: Irish Calendar Customs. Mercier Press. Zu den irischen Bräuchen des Gedächtnisses an den Schwellenzeiten.
- 05Lehmann, Albrecht (2007): Europäischer Volksglaube und Brauch. Metzler. Zur volkskundlichen Bedeutung des Umgangs mit dem Tod und den Schwellenzeiten.
Die Podcastfolge zu Samhain
„Worte am Feuer. Dem Klang der Jahreszeiten lauschen.“
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