Band 04 · Samhain·Kapitel 04

Was hat Samhain mit dem Tod zu tun?

Das Ende, das einen Platz im Jahr hat

13 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Wer heute nach Samhain und den Toten sucht, findet schnell eine erstaunlich vollständige Geschichte: die Kelten hätten an diesem Abend ein großes Fest der Toten gefeiert, den Schleier zwischen den Welten für durchlässig gehalten und die Ahnen an den Tisch gelassen. Vieles davon wird mit großer Selbstverständlichkeit als uraltes Wissen weitergegeben.

Nur: So einfach ist die Verbindung nicht. Dass Samhain und die Toten zusammengehören, lässt sich aus den Quellen durchaus belegen — aber die Art und Weise, wie das heute oft als einheitliches, über Jahrtausende unverändertes „Totenfest“ dargestellt wird, ist eine jüngere Schicht, die Ronald Hutton in seiner Untersuchung von 2024 näher beleuchtet hat.

Was die mittelalterliche Literatur erzählt

Die mittelalterliche irische Literatur verbindet Samhain auffällig häufig mit außergewöhnlichen Geschehnissen und Begegnungen mit der Anderswelt. Hügel öffnen sich, Tote erheben sich, Helden begegnen Wesen, die an gewöhnlichen Tagen nicht zugänglich sind. Die Erzählung von Nera ist nur eine von vielen, die Samhain als die Nacht der Durchlässigkeit zeichnet.

Das ist eine starke Verbindung zwischen Samhain und der Anderswelt — aber es ist eine literarische Überlieferung aus dem mittelalterlichen Irland, keine Augenzeugenbeschreibung eines eisenzeitlichen Totenrituals. Zwischen der europäischen Eisenzeit und den Handschriften, in denen uns diese Geschichten begegnen, liegen Jahrhunderte. Irland war längst christianisiert. Die Schreiber, denen wir viele dieser Texte verdanken, lebten in einer christlichen Welt, auch wenn ihre Erzählungen ältere Stoffe bewahrt haben können.

Die späteren Volksbräuche

Aus der späteren irischen Volksüberlieferung kennen wir eine ganze Welt von Bräuchen, die die Toten einbeziehen. Man glaubte, dass Verstorbene in das Familienhaus zurückkehren könnten, und fürchtete zugleich die Aktivität gefährlicher übernatürlicher Wesen. Es gab Festessen, Schutzbräuche, Maskierungen. Das National Museum of Ireland besitzt eine umfangreiche Sammlung zu diesen Bräuchen.

Aber auch hier müssen wir auf die Zeit achten. Ein Brauch, den Volkskundler um 1900 in einem irischen Dorf dokumentierten, ist zunächst ein belegter Brauch dieser Region und dieser Überlieferungszeit. Eine Geschichte, die ein mittelalterlicher Schreiber festhielt, ist zunächst eine mittelalterliche Quelle. Aus beidem unmittelbar auf ein eisenzeitliches „Fest der Toten“ zu schließen, geht über das hinaus, was die Quellen tragen.

„Die Toten gehören zum Haus. Sie haben es gebaut, das Feld bestellt, den Brauch getragen. An dem Abend, an dem das Jahr sich wendet, werden sie wieder an den Tisch gelassen."

Die moderne Idee vom „Celtic Feast of the Dead“

Die Vorstellung, Samhain sei das große, einheitliche Totenfest „der Kelten“ gewesen, hat eine eigene Geschichte. Hutton zeigt, dass diese moderne Idee stark durch die gelehrte Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt wurde — durch John Rhys, James George Frazer und andere, deren Deutungen über Generationen einflussreich waren. Aus einzelnen Überlieferungen wurde eine lückenlose Geschichte konstruiert, die sich so in den Quellen nicht halten lässt.

Das bedeutet nicht, dass Samhain nichts mit den Toten zu tun hätte. Die Verbindung ist da — in der mittelalterlichen Literatur, in den späteren Volksbräuchen, in der Logik der Schwellenzeit. Was es nicht gibt, ist ein Beleg dafür, dass alle Kelten Europas am 31. Oktober ein einheitliches Totenfest mit einheitlichen Ritualen feierten. Zwischen „Samhain hat mit der Anderswelt zu tun“ und „Samhain war das Totenfest aller Kelten“ liegt historisch ein beträchtlicher Unterschied.

Was der Tod im Jahr trägt

Wer Samhain und den Tod zusammen denkt, denkt etwas Richtiges — aber er denkt es besser ohne die Behauptung, das sei seit Jahrtausenden so überliefert. Der Tod hat im Jahr seinen Platz: am Ende der warmen Hälfte, am Beginn der dunklen, an der Schwelle, an der das Leben sich zurückzieht. Wer diese Schwelle begeht, begeht sie mit den Toten — nicht als Schrecken, sondern als Erinnerung.

Die Ahnen sind nicht die Verstorbenen als Schrecken, sondern als Gedächtnis. Wer sie in der Schwelle ruft, ruft das, was getragen wurde: die Geschichten der Vorfahren, die Bräuche des Hofes, das, was nicht vergessen werden soll. Samhain ist die Zeit, in der das Gedächtnis eines Hauses am wachsamsten ist. Wer das heute aufgreift, steht in einer langen, vielförmigen Überlieferung — ohne sich eine Vergangenheit erfinden zu müssen, die so nie belegt ist.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01Hutton, Ronald (2024): „The Celtic New Year and Feast of the Dead“. Folklore, 135 (1), S. 69–86. Zur Entstehung der modernen Vorstellung von Samhain als keltischem Totenfest.
    https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0015587X.2023.2282282
  2. 02Hutton, Ronald (1996): The Stations of the Sun: A History of the Ritual Year in Britain. Oxford University Press, Kapitel „Samhain“.
    https://academic.oup.com/book/1390/chapter-abstract/140718110
  3. 03National Museum of Ireland – National Folklife Collection: „Traditions and customs of Halloween / Samhain“. Zu den späteren irischen Volksbräuchen rund um die Toten, Schutz und Maskierung.
    https://source.museum.ie/en-IE/Collections-Research/Folklife-Collections/Folklife-Collections-List-%281%29/Religion-and-Calendar-Customs/Hallowe-en-Samhain
  4. 04University College Cork – CELT: Mittelalterliche irische Erzählungen (u. a. Echtra Nerai), in denen Samhain als Nacht der Begegnung mit der Anderswelt begegnet.
    https://celt.ucc.ie/
  5. 05Danaher, Kevin (1972): The Year in Ireland: Irish Calendar Customs. Mercier Press. Zur irischen Volksüberlieferung und den Ahnenvorstellungen zu Oíche Shamhna.
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