Band 04 · Samhain·Kapitel 01

Was ist Samhain – und ist es wirklich keltisch?

Das Fest am Rand der dunklen Hälfte

12 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Wer heute nach Samhain sucht, findet schnell eine erstaunlich vollständige Geschichte. Am 31. Oktober hätten die Kelten ihr Neujahr gefeiert, große Feuer entzündet, der Toten gedacht und gewusst, dass in dieser Nacht der Schleier zwischen unserer Welt und der Anderswelt besonders dünn sei. Vieles davon wird mit großer Selbstverständlichkeit als uraltes Wissen weitergegeben.

Nur: So vollständig ist unser Wissen über Samhain nicht.

Das liegt weniger daran, dass wir gar nichts über dieses Fest wüssten. Im Gegenteil. Samhain begegnet uns in mittelalterlichen irischen Texten immer wieder und war ohne Zweifel ein bedeutender Zeitpunkt im irischen Jahreslauf. Schwierig wird es dort, wo aus einzelnen Überlieferungen eine lückenlose Geschichte eines „keltischen Festes“ gemacht wird, das über Jahrtausende nahezu unverändert bis zu uns gelangt sein soll.

Um Samhain zu verstehen, müssen wir deshalb zuerst ein wenig Ordnung in die Zeiten bringen.

Samhain gehört zunächst nach Irland

Das Wort Samhain stammt aus dem Irischen. In mittelalterlichen Quellen finden sich ältere Formen wie Samain oder Samuin, im heutigen Irisch bezeichnet Samhain den November. Oíche Shamhna, die „Nacht von Samhain“, ist bis heute die irische Bezeichnung für Halloween.

Historisch begegnet uns Samhain als einer jener Termine, die das traditionelle irische Jahr gliederten. Neben Samhain finden wir Imbolc, Beltaine und Lughnasadh. Sie lagen ungefähr zwischen Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen und markierten entscheidende Übergänge im landwirtschaftlichen Jahr.

Samhain stand am Beginn des Winters.

Das klingt für heutige Ohren zunächst merkwürdig. Anfang November denken wir eher an Spätherbst als an Winter. Die alte irische Einteilung des Jahres folgte jedoch einer anderen Logik. Sommer und Winter bildeten zwei große Jahreshälften; die warme Zeit begann mit Beltaine Anfang Mai, die kalte mit Samhain Anfang November.

Noch heute bezeichnet das National Museum of Ireland Samhain als den ersten Tag des Winters. Der eigentliche Festtag lag am 1. November, wobei – wie bei vielen irischen Kalenderfesten – bereits der Vorabend eine besondere Rolle spielte. Dieser Abend hieß und heißt Oíche Shamhna.

Das allein erzählt schon einiges über Samhain. Denn für eine bäuerliche Gesellschaft war der Beginn des Winters keine hübsche Markierung im Kalender.

Er veränderte das Leben.

Wenn das Jahr nach innen ging

Ende Oktober war ein großer Teil der Ernte eingebracht. Äpfel, Kartoffeln und Rüben wurden geerntet, Tiere kamen von den Weiden zurück, Vieh wurde verkauft oder in den Stall gebracht. Die Arbeiten auf den Feldern veränderten sich. Das National Museum of Ireland dokumentiert für den traditionellen bäuerlichen Jahreslauf im November unter anderem Viehmärkte, das Einholen der Rinder von den Weiden sowie die Versorgung der Tiere im Stall.

Damit begann jene Zeit, in der eine Gemeinschaft wesentlich stärker von dem leben musste, was während der vergangenen Monate erwirtschaftet worden war.

Die Getreideernte war abgeschlossen. Die langen Wege und Unternehmungen des Sommers wurden schwieriger, ebenso Krieg und Handel. Ronald Hutton, einer der wichtigsten Historiker auf dem Gebiet der britischen und irischen Ritual- und Festgeschichte, beschreibt Samhain im frühmittelalterlichen Irland deshalb auch als günstigen Zeitpunkt für große Versammlungen. In irischen Erzählungen finden wir entsprechend immer wieder die feis of Samhain: Zusammenkünfte, Feste und Versammlungen, bei denen Menschen nach Abschluss der sommerlichen Tätigkeiten zusammenkamen.

Man kann Samhain also zunächst ganz ohne Geister und Druiden verstehen.

Es bezeichnete einen tiefen Einschnitt im Jahr.

Draußen war die Zeit des Wachsens und Erntens vorüber. Tiere und Menschen rückten näher an Haus und Hof. Vorräte gewannen an Bedeutung. Die Tage wurden kürzer und die Nächte länger.

Der Winter begann.

Aber war Samhain nun ein keltisches Fest?

Hier müssen wir genauer werden.

Denn schon der Begriff „die Kelten“ verleitet zu einer Vorstellung, die historisch problematisch ist. Er klingt nach einem Volk mit gemeinsamer Kultur, Religion, Priesterschaft und Festkalender, das einst weite Teile Europas bewohnte.

So einfach war die Wirklichkeit nicht.

Unter dem Begriff „keltisch“ werden heute unterschiedliche eisenzeitliche und später auch sprachlich verwandte Kulturen und Bevölkerungsgruppen zusammengefasst, die über große Teile Europas und der britischen Inseln verteilt waren. Zwischen ihnen bestanden Verbindungen, aber auch erhebliche regionale und zeitliche Unterschiede.

Und genau hier liegt das Problem mit Samhain.

Unsere wichtigsten schriftlichen Zeugnisse darüber stammen nicht von eisenzeitlichen Kelten.

Sie stammen aus dem mittelalterlichen Irland.

Einer der häufig herangezogenen Texte ist das Tochmarc Emire, die „Werbung um Emer“, eine Erzählung um den Helden Cú Chulainn. Der Text ist in mehreren mittelalterlichen Handschriften und Fassungen erhalten. Darin erscheint Samhain innerhalb einer Beschreibung des Jahres und seiner Abschnitte. Die erhaltene Textüberlieferung ist komplex; die University College Cork dokumentiert mehrere Handschriften, darunter das Lebor na hUidre, Rawlinson B 512 und das Book of Leinster.

Das ist eine wertvolle Quelle.

Es ist aber keine Augenzeugenbeschreibung eines Festes aus dem Jahr 300 vor Christus.

Zwischen der europäischen Eisenzeit und den Handschriften, in denen uns diese Geschichten begegnen, liegen Jahrhunderte. Irland war zu diesem Zeitpunkt längst christianisiert. Die Schreiber, denen wir viele dieser Texte verdanken, lebten in einer christlichen Welt, auch wenn ihre Erzählungen ältere Stoffe, Namen und Vorstellungen bewahrt haben können.

Das macht die Texte nicht weniger bedeutend. Es bedeutet lediglich, dass wir vorsichtig damit sein müssen, aus ihnen eine vermeintlich unveränderte Religion „der Kelten“ zu rekonstruieren.

Was wir tatsächlich sagen können

Samhain ist als irisch-gälischer Festtermin sehr gut greifbar.

Wir wissen, dass er mit dem Beginn des Winters verbunden war. Wir finden ihn in mittelalterlichen Erzählungen und in der späteren irischen Volkskultur. Wir kennen Samhain als einen bedeutenden Einschnitt des Jahres, um den sich Versammlungen, Geschichten und schließlich eine Fülle von Bräuchen legten.

Was wir nicht besitzen, ist eine Beschreibung eines Druiden, der uns erklärt, was „die Kelten“ an Samhain glaubten und wie sie diesen Tag begingen.

Gerade diese Unterscheidung ist wichtig.

Denn häufig werden archäologische Zeugnisse aus vorchristlicher Zeit, mittelalterliche irische Literatur und Bräuche, die erst im 18., 19. oder frühen 20. Jahrhundert volkskundlich dokumentiert wurden, miteinander vermischt. Am Ende entsteht daraus ein einziges vermeintlich uraltes Samhain.

Historisch liegen zwischen diesen Dingen mitunter mehr als tausend Jahre.

War Samhain das keltische Neujahr?

Kaum eine Aussage über Samhain hält sich so hartnäckig wie diese:

Samhain war das Neujahrsfest der Kelten.

Auch auf RauhnAchtsam hätten wir diesen Satz vor einigen Jahren vermutlich noch ohne großes Zögern geschrieben. Inzwischen wissen wir: Ganz so sicher dürfen wir ihn nicht formulieren.

Ronald Hutton hat sich 2024 eigens mit der Entstehung der Vorstellung vom „Celtic New Year“ beschäftigt. Seine Untersuchung zeigt, wie stark unser heutiges Bild von Samhain durch Gelehrte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Besonders einflussreich waren der keltologische Gelehrte John Rhys und der Anthropologe und Religionswissenschaftler James George Frazer, dessen The Golden Bough die Vorstellungen von vorchristlicher Religion und europäischem Brauchtum über Generationen beeinflusste.

Die Behauptung, Samhain sei das allgemeine Neujahrsfest „der Kelten“ gewesen, lässt sich aus den alten Quellen nicht in dieser Eindeutigkeit ableiten.

Das bedeutet nicht, dass Samhain keine herausragende Jahresschwelle war. Der Beginn des Winters war offensichtlich bedeutend. Auch Vorstellungen eines Jahreswechsels können sich an solchen Schwellen entwickelt haben.

Zwischen „bedeutender Beginn der Wintersaison im irischen Jahr“ und „Neujahr aller Kelten“ liegt historisch jedoch ein beträchtlicher Unterschied.

Und bedeutet Samhain wirklich „Ende des Sommers“?

Auch diesen Satz findet man beinahe überall:

Samhain bedeutet „Summer's End“ – das Ende des Sommers.

Als poetische Beschreibung passt das ausgezeichnet. Als gesicherte Übersetzung des Wortes sollte man vorsichtiger sein.

Die Etymologie von Samhain ist komplizierter, und schon ältere Sprachwissenschaftler diskutierten unterschiedliche Herleitungen. Sicherer als eine hübsche wörtliche Übersetzung ist deshalb die historische Funktion des Begriffs: Samhain bezeichnete den Termin beziehungsweise die Zeit am Übergang zum Winter und bezeichnet im modernen Irischen den November.

Manchmal ist es bei alten Wörtern ehrlicher, eine offene sprachgeschichtliche Frage stehen zu lassen, als eine schöne Erklärung so oft zu wiederholen, bis sie wie eine Tatsache klingt.

Was hat das alles mit den Toten zu tun?

Sehr viel – allerdings nicht alles gleichzeitig und nicht alles gleich alt.

Aus der späteren irischen Volksüberlieferung kennen wir eine ganze Welt von Bräuchen rund um Oíche Shamhna. Es gab Festessen, Nüsse und Früchte, Spiele und Heiratsorakel, Maskierungen und Schutzbräuche. Man glaubte, dass Verstorbene in das Familienhaus zurückkehren könnten, und fürchtete zugleich die Aktivität gefährlicher übernatürlicher Wesen. Das National Museum of Ireland besitzt eine umfangreiche Sammlung zu diesen Bräuchen.

Auch die mittelalterliche irische Literatur verbindet Samhain auffällig häufig mit außergewöhnlichen Geschehnissen und Begegnungen mit der Anderswelt.

Aber daraus unmittelbar zu schließen, dass bereits die eisenzeitlichen Kelten am 31. Oktober ein großes, einheitliches „Fest der Toten“ feierten, geht über das hinaus, was die Quellen tragen.

Auch diese Vorstellung hat eine eigene Geschichte. Hutton zeigt, dass die moderne Idee von Samhain als großem „Celtic Feast of the Dead“ ebenfalls stark durch die gelehrte Literatur der vergangenen beiden Jahrhunderte geprägt wurde.

Den Toten, der Anderswelt und den späteren Bräuchen zu Samhain widmen wir deshalb einen eigenen Beitrag. Denn sie verdienen mehr als einen Absatz – und vor allem verdienen sie, zeitlich auseinandergehalten zu werden.

Wie alt ist Samhain also wirklich?

Darauf gibt es eine etwas unbefriedigende, aber wissenschaftlich redliche Antwort:

Wir wissen es nicht genau.

Der Name und der Festtermin reichen tief in die irische Überlieferung zurück. Mittelalterliche Texte behandeln Samhain bereits als etablierten Bestandteil des Jahres. Es ist durchaus möglich und wahrscheinlich, dass dahinter wesentlich ältere Traditionen liegen.

Nur können wir nicht jede spätere Überlieferung rückwärts durch die Jahrhunderte verlängern.

Ein Brauch, den Volkskundler um 1900 in einem irischen Dorf dokumentierten, ist zunächst ein belegter Brauch dieser Region und dieser Überlieferungszeit. Eine Geschichte, die ein mittelalterlicher Schreiber festhielt, ist zunächst eine mittelalterliche Quelle, selbst wenn ihr Stoff älter sein mag. Ein eisenzeitlicher Fund wiederum erzählt uns etwas über die Menschen seiner eigenen Zeit – nicht automatisch über Samhain.

Gute Brauchtumsforschung lebt von genau diesen Unterscheidungen.

Sie nimmt Tradition ernst genug, um ihr keine Vergangenheit zu erfinden.

Also: Ist Samhain keltisch?

Wenn wir mit „keltisch“ die gälisch-irische Überlieferung meinen, aus der Samhain hervorgegangen ist und in der der Name bis heute lebt, dürfen wir Samhain durchaus in einen keltischen kulturellen Zusammenhang stellen.

Wenn wir damit jedoch behaupten, wir wüssten, dass sämtliche „Kelten“ Europas am 31. Oktober dasselbe religiöse Fest mit denselben Ritualen gefeiert hätten, verlassen wir den sicheren Boden der Quellen.

Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses alten Festtermins.

Unter all den späteren Bildern bleibt etwas sehr Einfaches bestehen: der Übergang in den Winter. Das Ende einer arbeitsreichen Jahreshälfte. Das Einholen der Tiere. Die eingebrachte Ernte. Die längeren Nächte. Menschen, die zusammenkommen, während draußen das Jahr karger wird.

Darüber legten sich über viele Jahrhunderte Geschichten, christliche Festtage, Vorstellungen von Toten und übernatürlichen Wesen, Schutzbräuche, Spiele, Masken und schließlich Halloween.

Samhain ist deshalb kein unverändertes Fenster in eine geheimnisvolle „keltische Urzeit“.

Es ist etwas kulturgeschichtlich viel Schöneres:

eine alte Schwelle im Jahr, an der Menschen über Jahrhunderte immer neue Spuren hinterlassen haben.

Und genau diesen Spuren folgen wir in den nächsten Teilen unserer Samhain-Reihe.

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Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01Hutton, Ronald (2024): „The Celtic New Year and Feast of the Dead“. Folklore, 135 (1), S. 69–86. Eine wichtige neuere Untersuchung zur Entstehung der modernen Vorstellungen von Samhain als keltischem Neujahr und allgemeinem Totenfest.
    https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/0015587X.2023.2282282
  2. 02Hutton, Ronald (1996): The Stations of the Sun: A History of the Ritual Year in Britain. Oxford University Press. Kapitel „Samhain“, S. 360–370. Behandelt Samhain als bedeutendes Fest am Beginn des Winters im frühmittelalterlichen Irland.
    https://academic.oup.com/book/1390/chapter-abstract/140718110
  3. 03University College Cork – CELT: Corpus of Electronic Texts: Tochmarc Emire / The Wooing of Emer. Mittelalterliche irische Textüberlieferung mit Angaben zu den erhaltenen Handschriften und Editionen.
    https://celt.ucc.ie/document/G301021A/
  4. 04National Museum of Ireland – Irish Folklife Collection: „Traditions and customs of Halloween / Samhain“. Quellen und Objekte zur späteren irischen Volksüberlieferung rund um Samhain und Oíche Shamhna.
    https://source.museum.ie/en-IE/Collections-Research/Folklife-Collections/Folklife-Collections-List-%281%29/Religion-and-Calendar-Customs/Hallowe-en-Samhain
  5. 05National Museum of Ireland: „The Farming Year“. Überblick über die Arbeiten des traditionellen irischen Landwirtschaftsjahres und den Übergang in die Wintermonate.
    https://cms.museum.ie/ga-IE/Collections-Research/Folklife-Collections/Folklife-Collections-List-%281%29/Agriculture/Farming-and-fishing-in-rural-Ireland/The-Farming-Year
  6. 06*Kevin Danaher: The Year in Ireland: Irish Calendar Customs (1972).* Wichtige Quelle für die dokumentierte irische Volkskultur; wird auch vom National Museum of Ireland als weiterführende Literatur zu den irischen Kalenderbräuchen geführt.
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