Band 02 · Imbolc·Kapitel 04

Lichtbräuche zu Imbolc — was historisch bezeugt ist

Kerzen, Kreuz und die Rückkehr des Lichts

12 Min. LesezeitRauhnAchtsam

Wenn wir heute Bilder von Imbolc betrachten, begegnen uns beinahe überall Kerzen. Sie stehen auf Fensterbänken, brennen auf kleinen Altären oder werden gemeinsam mit Schneeglöckchen, weißen Stoffen und den ersten grünen Zweigen zu einem liebevoll gestalteten Platz arrangiert. Es ist ein schönes Bild, besonders Anfang Februar, wenn die Abende noch lang sind und das Licht einer einzigen Kerze einen ganzen Raum verändern kann. Wer sich allerdings auf die Suche nach den historischen Wurzeln solcher Bräuche macht, entdeckt bald, dass sich hinter dem Licht von Imbolc verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen verbergen, die wir heute häufig miteinander verbinden, obwohl sie ursprünglich nicht zwangsläufig zusammengehörten.

Beginnen wir mit einer einfachen Beobachtung: Anfang Februar sind die Tage auf der Nordhalbkugel bereits deutlich länger geworden, und dieser Wandel besitzt eine astronomische Grundlage. Die Wintersonnenwende liegt hinter uns, die Sonne erreicht allmählich wieder einen höheren Stand, und auch wenn der Winter noch keineswegs vorbei ist, lässt sich die Rückkehr des Tageslichts inzwischen gut wahrnehmen. Es ist daher verständlich, dass wir diesen Zeitpunkt heute gerne mit Kerzen und Lichtsymbolen verbinden, doch aus dieser nachvollziehbaren Beziehung zwischen Jahreszeit und Licht dürfen wir nicht automatisch ableiten, dass die Menschen im vorchristlichen Irland bereits genau jene Kerzenrituale praktizierten, die wir aus modernen Imbolc-Feiern kennen.

Was wir über das alte Imbolc wissen

Die mittelalterlichen irischen Quellen bezeugen Imbolc als einen wichtigen Termin innerhalb der jahreszeitlichen Gliederung des Jahres. Was sie uns jedoch nicht liefern, ist eine vollständige Beschreibung eines vorchristlichen Lichtfestes mit Kerzenprozessionen, Altären und festgelegten Ritualhandlungen.

Das ist eine wichtige Unterscheidung, weil Imbolc heute häufig als uraltes keltisches Lichtfest vorgestellt wird, bei dem die Menschen angeblich seit Jahrtausenden Kerzen entzündeten, um die Sonne zurückzurufen. Für diese konkrete Behauptung fehlt ein entsprechender früher Beleg.

Wir dürfen davon ausgehen, dass Feuer und Licht im Alltag früherer Gesellschaften eine große Bedeutung besaßen, denn ohne elektrisches Licht waren Herdfeuer, Öllampen und andere Lichtquellen selbstverständlich unverzichtbar. Daraus folgt allerdings noch keine bestimmte religiöse Zeremonie am 1. Februar, und gerade hier zeigt sich, wie leicht aus einer plausiblen Vorstellung eine vermeintlich gesicherte historische Tatsache werden kann.

Die heilige Brigid und das Feuer von Kildare

Eine wichtige Lichttradition begegnet uns in der Verehrung der heiligen Brigid von Kildare. Der mittelalterliche Schriftsteller Giraldus Cambrensis berichtete im späten 12. Jahrhundert von einem besonderen Feuer, das in Kildare von einer religiösen Frauengemeinschaft gehütet wurde.

Diese Überlieferung ist historisch bedeutsam, weil sie zeigt, dass das Feuer innerhalb der christlichen Brigid-Verehrung einen besonderen Platz einnahm. Ob dahinter ein älterer Kult der gleichnamigen Göttin stand, ist dagegen nicht eindeutig nachweisbar, auch wenn solche Zusammenhänge in der Forschung diskutiert werden.

Feuer und Licht gehören zudem zu den bedeutenden Symbolen des Christentums, weshalb eine christliche Feuertradition keineswegs automatisch auf eine vorchristliche Herkunft schließen lässt. Wir begegnen hier vielmehr einer religiösen Geschichte, die sich über viele Jahrhunderte entwickelte und in der sich verschiedene Bedeutungen miteinander verbinden konnten.

Maria Lichtmess und die Kerzen

Nur einen Tag nach dem Gedenktag der heiligen Brigid wird am 2. Februar im westlichen Christentum das Fest der Darstellung des Herrn gefeiert, das im deutschen Sprachraum auch als Maria Lichtmess bekannt ist. Der Termin liegt vierzig Tage nach Weihnachten und erinnert an die Darstellung Jesu im Tempel, wie sie im Lukasevangelium beschrieben wird.

Mit diesem Fest entwickelten sich christliche Lichtbräuche, insbesondere Prozessionen und die Segnung von Kerzen. Im Laufe der Geschichte erhielt Lichtmess auch im bäuerlichen Jahreslauf vieler Regionen eine besondere Bedeutung, etwa im Zusammenhang mit Arbeitsverhältnissen, Dienstbotenwechseln und jahreszeitlichen Orientierungspunkten.

Weil Lichtmess und der Brigid-Tag unmittelbar nebeneinanderliegen, werden ihre Bräuche heute häufig mit Imbolc verbunden. Das ist als heutige kulturelle und spirituelle Verbindung nachvollziehbar, doch historisch sollten wir unterscheiden, welche Handlungen aus christlichen Festtraditionen stammen und welche tatsächlich mit älteren irischen Überlieferungen verbunden werden können.

Die Behauptung, Maria Lichtmess sei nachweislich nur die christliche Umbenennung eines einheitlichen keltischen Kerzenfestes, vereinfacht die komplexe Geschichte beider Termine erheblich.

Das Kreuz der Brigid

Zu den bekanntesten irischen Bräuchen rund um den 1. Februar gehört das Flechten eines Brigid-Kreuzes aus Binsen oder Stroh. Solche Kreuze wurden traditionell in Häusern und Wirtschaftsgebäuden angebracht, wo sie als Schutz- und Segenszeichen dienten.

Das National Museum of Ireland dokumentiert unterschiedliche Formen dieser Kreuze sowie weitere Bräuche des Brigid-Tages, darunter den Umgang mit Stroh, das für die Herstellung verwendet wurde, und die Bedeutung der Kreuze als Gaben für Menschen, die ein neues Zuhause bezogen oder eine Familie gründeten.

Besonders interessant ist, dass die Kreuze keineswegs überall gleich aussahen. Die heute sehr bekannte vierarmige Form ist nur eine von mehreren regional überlieferten Varianten, und auch dreistrahlige oder andere Flechtformen sind dokumentiert.

Wann genau dieser Brauch entstanden ist, lässt sich nicht mit Sicherheit bestimmen. Er gehört zur irischen Volksüberlieferung rund um die heilige Brigid, doch die häufige Behauptung, das Brigid-Kreuz sei nachweislich ein unverändert überliefertes vorchristliches Sonnensymbol, geht über die gesicherten historischen Belege hinaus.

Das nimmt dem Brauch keineswegs seine Schönheit, denn ein aus einfachen Binsen geflochtenes Kreuz erzählt uns bereits sehr viel über jene Menschen, die mit den Materialien ihrer Umgebung Zeichen schufen, denen sie Schutz und Segen zuschrieben.

Was wir heute mit dem Licht anfangen können

Wenn wir Anfang Februar eine Kerze entzünden, dürfen wir darin selbstverständlich ein Sinnbild für das wiederkehrende Tageslicht erkennen. Vielleicht verbinden wir damit die Hoffnung auf den kommenden Frühling, die Erinnerung an einen Menschen oder den Wunsch, in einer schwierigen Lebensphase wieder etwas Zuversicht zu finden.

Solche Bedeutungen sind persönlich und können ihren Wert besitzen, auch wenn sie keine zweitausend Jahre alte Herkunft nachweisen können.

Für mich ist gerade das eine schöne Möglichkeit, Imbolc heute zu gestalten, denn wir müssen ein Licht nicht erst zu einem uralten keltischen Ritual erklären, um seine Wirkung zu schätzen. Wir können die Geschichte des Brigid-Tages kennenlernen, uns mit der christlichen Tradition von Lichtmess beschäftigen und zugleich eine eigene Form finden, Anfang Februar den Wandel der Jahreszeit bewusst wahrzunehmen.

Vielleicht stellen wir eine Kerze ans Fenster, sammeln einige Binsen und lernen, ein Brigid-Kreuz zu flechten, oder wir gehen hinaus und beobachten, wie sich das Licht in der Landschaft verändert hat. Entscheidend ist dabei, dass wir wissen, welche Handlungen historisch überliefert sind und wo unsere eigene heutige Gestaltung beginnt.

Denn die Vergangenheit wird nicht lebendiger, wenn wir ihr Dinge zuschreiben, die wir nicht belegen können. Sie wird lebendig, wenn wir beginnen, ihre tatsächlichen Geschichten kennenzulernen, und manchmal sind diese sehr viel interessanter als jene Vorstellungen, die wir uns zunächst von ihr gemacht haben.

Quellen & weiterführende Literatur

  1. 01National Museum of Ireland: „St Brigid’s Day“. Volkskundliche Dokumentation der Brigid-Kreuze, ihrer unterschiedlichen Formen und ihrer Verwendung als Schutz- und Segenszeichen.
    https://source.museum.ie/en-IE/Collections-Research/Folklife-Collections/Folklife-Collections-List-%281%29/Religion-and-Calendar-Customs/St-Brigid-s-Day
  2. 02Dictionary of Irish Biography: „Brigit (Brighid, Bríd, Bride, Bridget)“, Royal Irish Academy. Zur historischen Brigid-Verehrung und den Beziehungen zwischen Heiligenlegende, Volksbrauch und älteren irischen Vorstellungen.
    https://www.dib.ie/biography/brigit-brighid-brid-bride-bridget-a0961
  3. 03Giraldus Cambrensis: Topographia Hibernica, spätes 12. Jahrhundert. Mittelalterliche Quelle zur Feuertradition von Kildare.
  4. 04Lukasevangelium 2,22–40. Biblische Grundlage des christlichen Festes der Darstellung des Herrn.
  5. 05Kelly Fitzgerald (2024): „What do we know about the roots of the Imbolc spring festival?“, RTÉ Brainstorm. Zur historischen Einordnung von Imbolc, Brigid und den späteren kulturellen Verbindungen.
    https://www.rte.ie/brainstorm/2024/0131/1429455-imbolc-imbolg-spring-pagan-festival-brigit/